Die hungrige Laui
In Richwil lebte ein altes Meitli; an seinem Häuschen vorbei floss die Laui, die vormals nur ein kleines Bächlein war. Nach jeder Mahlzeit ging das Meitli mit dem Tischtuch vor die Haustüre und schüttete die Brosamen und Speisereste ins Wasser. Wenn man es um den Grund befragte, so sagte es: «Das isch äs g'hungärigs Bächli, und wenn i einisch nimmä umä bi und nimmä z'essä gibä, so frisst es das ander äwäg !"
Die Leute lachten darüber, und als das Meitli tot war, dachte niemand mehr daran, das Bächlein zu ernähren. Dasselbe aber ward allmählich breiter, bei jedem Gewitter frass es weiter in seine Ufer hinein und ward endlich zum verheerenden Wildbach, der ganz Richwil zerstörte.
Aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch