Schlangenkampf
In den obersten Häusern vom Giswiler-Grohteil wohnte eine arme Witwe mit einigen Kindern und etwas Vieh. Einst im Sommer bestellte sie den Schuster für einige Tage auf die Stör. Während dieser Zeit erzählte ihm die Frau, wie beinahe jeden Abend um 4 Uhr eine grosse Schlange vom Gebirg herabkomme und dann ihr und ihren Nachbarn kleine Schafe und Ziegen fresse. Ihn, als rüstigen Mann, gelüstete nach einem Strausse. Aber weder im Hause noch bei den Nachbarn fand er ein passendes Gewehr. Da nahm er einen grossen runden Hagstecken, spitzte ihn gut und lauerte damit auf das Ungetüm. Bald nach vier Uhr schlich es vom Berge daher und der Schuster wagte gleich den Kampf, der ihm bald bang und warm genug machte, doch endlich zu seinem Vorteile endete, indem es ihm gelang, die Schlange durch die Weichen zu stechen. Schwer verwundet kroch sie noch bergab und der Schuster, totmüd, verfolgte sie nicht länger. Tags darauf traf man auf dem Giswiler Ried das verendete Ungetüm und die Obrigkeit beschloss: Da die Gemeinde Giswil klagt, es liege auf ihrem Ried eine grosse tote Schlange, welche einen unausstehlichen Geruch verbreite und eine Pest befürchten lasse, so befehlen wir, dass ein tiefer Graben gemacht und das Aas hineingelegt und gut mit Erde bedeckt werde.
Aus: Franz Niederberger Sagen und Gebräuche aus Unterwalden, Sarnen 1924. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch