Die eingemauerte Nonne
Als ein Mann zu Bern einst den Mauern entlang ging, die ehemals ein Kloster bargen, erblickte er ein Antlitz. Der Mann trat in das Gebäude. Nichts war zu sehen. Im ganzen Gebäude fand sich kein lebendes Wesen.
Die nächste Nacht zog es ihn wieder an den unheimlichen Ort. Da hörte er einen gewaltigen Lärm. Es tobte und toste in den Mauern und dazwischen klagte eine weibliche Stimme. Der Mann holte Hilfe. Zusammen tasteten und klopften sie die Wände ab. An einer Stelle tönte es hohl. Dort brachen die Männer Steine weg. Da stand ein Skelett vor ihnen, mit dem Rücken an die Mauer gelehnt. Um das Haupt hingen Fetzen eines schwarzen Gewandes; die knöchernen Finger umschlangen einen Rosenkranz. Noch im Tode redete das fleischlose Gesicht vom Grauen der Nonne, die lebendigen Leibes eingemauert worden war.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch