Der Knecht von Madiswil
Vor alter Zeit lebte im bernischen Ober-Aargau ein sehr reicher Bauer, der weit herum Güter besass und eine einzige Tochter hatte, namens Verena. Bei ihm diente ein treuer Knecht, Ulrich, mit Verenen im Hause ausgewachsen. Deshalb waren sich beide seit der Kinderzeit in Liebe zugetan, und Ulrich bat endlich den Meister um ihre Hand. Der Bauer hatte dies erwartet; er war Ulrichen gut und verhiess ihm, um seinen Nachbarn gegenüber doch etwas zu tun, die Tochter, falls er, die Sense in der linken Hand, ein Kreuz in seine Grossmatte mähe.
Ulrich ging auf die Bedingung ein und machte sich mit dem ersten Tagesgrauen frisch ans Werk. Verena blieb bei ihm und reichte dem Geliebten von Zeit zu Zeit einen Labetrunk. Aber ein Bauer, dessen Sohn Verenen ebenfalls gerne gehabt hätte, liess dem Mäher vergifteten Wein reichen. Ulrich fühlte sich matt davon, wollte aber nicht aufhören, begehrte, als er noch einige Striche zu mähen hatte, von Verenen ein Glas Wässer, trank es, mähte mit dem letzten Rest seiner Kraft das Kreuz zu Ende und sank tot zur Erde. Manche wollen den Namen des Dorfes Madiswil davon herleiten.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch