Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Rudolf von Strettlingen

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

König Rudolf von Burgund herrschte mächtig zu Strettlingen auf der hohen Burg. Er war gerecht und milde, baute Kirchen weit und breit im Lande. Aber am Ende übernahm ihn der Stolz. Er meinte, niemand, und selbst der Kaiser nicht, sei ihm an Macht und Reichtum zu vergleichen. Da liess ihn Gott der Herr sterben. Alsbald nahte sich der Teufel und wollte seine Seele empfangen. Dreimal hatte er schon die Seele ergriffen; aber Sankt Michael, der die Seelen wägt, wehrte es ihm, und der Teufel verlangte von Gott, dass des Königs Taten gewogen würden; Michael nahm die Waage und warf in die eine Schale, was Rudolf Gutes, in die andere, was er Böses getan hatte; und wie die Schalen schwankten und sachte die gute niederzog, wurde dem Teufel Angst, dass seine auffahre. Schnell klammerte er sich von unten dran fest, dass sie schwer hinuntersank. Da rief Michael: «Wehe, der erste Zug geht zum Gericht! » Darauf hebt er zum zweitenmal die Waage, abermals hängt sich Satan unten dran. «Wehe» - sprach der Engel -, «der zweite Zug geht zum Gericht!» Und zum drittenmal hob er und zögerte; da erblickte er die Krallen des Drachen am Rand der Waagschale. Da zürnte Michael dem Teufel und er verfluchte ihn, dass er zur Hölle fuhr.

 

Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch