Ein altes Weib sucht Obdach
An einem Tage, da der Nebel tief von den Gräten hing und die Bise kalt seeab zog, kam ein altes fremdes Weib nach Brienz. Beim ersten Hause klopfte es an um Speis und Trank und fragte um ein Nachtlager. Doch die Leute waren selbst arm. Vor der zweiten Türe erhielt es einen ähnlichen Bescheid, vor der dritten und vierten ging es ihm nicht besser. Überall hiess man es weggehen oder schlug ihm mit einem Scheltwort die Türe zu. So kam das fremde Weib bis an das andere Ende des Dorfes, ohne dass im ein freundliches Herz begegnet wäre. Doch bevor es das Dorf verliess, erhob es drohend seinen Stecken und schrie in die Gassen hinein:
«O weh!
Brienz mues i See!»
Der Fluch des fremden Weibes ist noch nicht in Erfüllung gegangen; aber er hallt in den Dorfleuten nach bis auf den heutigen Tag.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch