Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der fremde Geiger

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Ein geheimer Tanzplatz für das Jungvolk lag einst neben dem Giessbach auf einer hohen, in den Brienzersee vorspringenden Fluh. In einer Samstagnacht tummelten sich dort Mädchen und Burschen im Tanz. Auf einem umgeworfenen Baumstamm hinter einer Haselstaude spielten die Musikanten auf. Wenn die Geiger aber einmal schneller in die Saiten griffen, dann sprang ein flinkes Mädchen auf einen flachen Stein in der Mitte des Kreises, zwirbelte darauf einige Male herum und schlüpfte dann zu seinem Tänzer zurück.

‏Bald ging es gegen Mitternacht. Da gesellte sich zu den Musikanten ein fremder Mann, der ganz anders aufzuspielen wusste. Immer rascher wurden die Takte und die Weisen wilder und wilder. Da flogen die Röcke, das wirbelte und zwirbelte. Und wie die Gesichter heiss und rot wurden in wildem Taumel! Und immer rascher säbelte der fremde Geiger seine Musik herunter. Mit einem Male brach die Musik ab. Im selben Augenblick gellte ein grässlicher Aufschrei durch die Nacht. Die jungen Leute rannten und drängten an den Rand des Felsens. Ein Bursche und ein Mädchen waren wie toll über die Fluh hinaus in den See getanzt und elendiglich ertrunken. Der fremde Geiger aber war plötzlich verschwunden.

 

Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch