Der gebannte Dieb
Oberhalb Gsteig liegt Breitlauenen, eine kleine, aber gute Alp, deren Hütten man von Interlaken aus erblickt. In einer dieser Hütten war es lange Zeit unghürig, bald polterte es hier, bald da, die Käskessi wurden umgeworfen, das Feuer ausgelöscht, die Milch ausgeschüttet, und des Abends hörte man bald Stöhnen, bald Seufzen. Das kam aber daher, weil ein Küher, den man oft bestohlen hatte, einst über diese Hütte einen Bann ausgesprochen hatte. Als nun im Herbste ein Dieb in die Hütte eingedrungen war, um die dort zurückgelassenen Gerätschaften zu stehlen, konnte er nicht mehr vom Fleck und musste vor Frost und Hunger elend umkommen. Erst im Frühjahr fand man seine Leiche. Obwohl man ihn nun in geweihter Erde begrub, so blieb sein Geist in die Hütte gebannt und musste dort so lange ausharren, bis ein Küher, der ein Fronfastenkind war und den Geist erblicken konnte, ihn im Namen des Eigentümers der Hütte lossprach und ihm so zur ewigen Ruhe verhalf.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch