Ahasvers Ruheplatz
Dort, wo sich wild und schauerlich im Aargletscher in tiefer Eiskluft zwischen dem Lauteraarhorn und den Wetterhörnern jene düstere Felsenhöhle öffnet, die, eine Zufluchtsstätte der Gemsenjäger, unter dem Namen Jägerhütte bekannt ist, war der Ruheplatz Ahasvers, kam er auf seiner ewigen Wanderung nach der Schweiz, dem einzigen Lande auf Erden, wo der im Zorn noch gnädige Gott seinem irrenden Fuss eine kurze Rast gegönnt hatte. Dort habe er, nachdem er bei seinem ersten Kommen an jener Stelle unter schattiger Rebenlaube, das zweite Mal aber in dichtem Waldgebüsch geruhet und endlich beim dritten Mal seinen Ruheplatz von starrem Eis umgeben und nichts als Schnee- und Eisfelder angetroffen habe, prophezeit: er werde zum vierten Male wieder kommen; dann aber werde ein einziger Gletscher sein, was vom Brienzersee weg bis nach Wallis hinauf noch fruchtbares Talgelände, grüne Matte und grasreiche Alp ist und auf ewigem Eis werde er von da aus wallfahrten und die Städte aufsuchen müssen, wo allein er findet, was ihm sonst überall auf Erden versagt ist - Ruhe für seinen müdgehetzten Leib.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch