Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das unlieb Kind

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Hoch über Spiggengrund im Kiental ragt eine Felszacke zum Himmel. Man nennt sie Hasenbodenkanzel. Wenn es wettert und tost, schleicht es gespenstig um die Kanzel herum. Weisse Gestalten tanzen um den Steinzahn. Man erzählt, einst sei einem Sennen ein unlieb Kind geboren worden. Da habe er es mit eigener Hand erwürgt. Von der Zeit an gedieh nichts Junges mehr auf dem Hasenboden - nicht Mensch, nicht Vieh. Ein Geschlecht um das andere hat auf Hasenbodenalp den Fluch zu spüren bekommen, bis ein frommer Hirt einst in das Wallis nach Kapuzinern schickte. Da kam einer herauf, der mit Kreuz und Sprengel hantierte. Erst zündete er auf dem Herd der Hütte ein grosses Feuer an. Drei heilige Reiser waren aufgelegt. Da gab's einen furchtbaren Knall und in pechschwarzem Rauche fuhr der Unhold zum Dache hinaus. Dann benetzte der Pater alle Trämel, alle Stürze und Schwellen der Hütte mit heiligem Wasser und auf dem Vorplatz wurde alles Gelümp, Unrat und Kehricht verbrannt. Über der Hüttentür wurde ein Loch eingebohrt. Dorthinein steckte der Pater einen lateinisch geschriebenen Segen mit Kreuzen drauf, verschloss das Loch mit einem Pfropf und sprach sein Amen. Seither geschah kein Schaden mehr auf dem Hasenboden, weder an Mensch noch Vieh.

 

Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch