Die gesottene Schlange
Bei Grindelwald wohnte ein Bauer, der seiner Künste wegen bei den Talleuten nur der Wunderdoktor hiess. Bei seinen Zaubergeschäften schloss er sich stets in eine Kammer ein. Des Doktors Knecht, längst neugierig geworden, welcher Art die Künste seines Meisters seien, hatte durch die hölzerne Stubenwand ein Loch gebohrt, um diesen belauschen zu können. Eines Tages sah nun der Knecht, wie der Bauer eine weissköpfige Schlange in einen Kessel warf, dessen Wasser zu sieden anfing. Bald stieg weisser Schaum vom Rande auf und ballte sich zu einer schneeigen Masse. Als der Bauer während seiner Arbeit einmal schnell in die Küche ging, ohne die Türe hinter sich zu schliessen, schlüpfte der Knecht in die Kammer. Hier strich er den weissen Schaum, den er für wallende Milch hielt, fingerweise von Rande ab, leckte ihn hastig hinein und lief, als ob nichts geschehen wäre, hinaus auf die Matte, um dort zu mähen. Aber da sah er, wie jeder Halm und jedes Mattenblümlein sich draussen vor ihm bückte.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch