Die Pest zu Lauterbrunnen
Eines Tages sahen die Leute von Lauterbrunnen, die lange vom schwarzen Tod verschont geblieben waren, über die Wengernalp ein weisses Wölkchen daherfliegen und sich im Schiltwalde niedersetzen. Es war die Pest. Die Lauterbrunner Leute hatten die fürchterliche Landplage in ihr Tal gerufen, weil sie übermütig geworden waren. In Wengen oben begann das Sterben. Ein junger Mann von Mürren wurde in diesen Zeiten von der Pest befallen. Schon zeigten sich schwarze Spuren an einem Finger. Kurz entschlossen hieb sich der Bursche die Fingerspitze ab und steckte dieselbe in die Ritzen des Balkenwerks seiner Hütte. Er genas auch bald und zog hernach in die Fremde. Wie er wieder heimgekehrt ist, verfiel er eines Tages auf den Gedanken, sein abgeschnittenes Fingerglied wieder zu betrachten. Er fing an zu suchen, fand den verdorrten Stummel richtig und zog ihn hervor. Da wurde plötzlich sein Körper schwarz und wenige Tage darauf war er eine Leiche. Die Pest hatte ihr Opfer nach so langer Zeit dennoch gefordert.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch