Rieggis Pfad
Ein Mann, der Rieggi hiess, war ein leidenschaftlicher Jäger. Wo er ein Gemstier wusste, ruhte er nicht, bis er es erlegt hatte. Sein eigenes Leben setzte er so oft aufs Spiel, als er eine Gemse zu erlegen hoffen konnte. Bereits hatte er das neunundneunzigste Tier geschossen, und die in der Gemsjagd so verhängsnisvolle Zahl «hundert», wo dem Jäger eine weisse Gemse als Warnung erschien, war erreicht. Eine neue Jagd führte ihn ins G'sür, diesen mächtigen Gebirgsstock zwischen St. Stephan und Adelboden. Da, wo sich das Rothorn gegen die Grimmialp abdacht, zeigte sich ihm ein gewaltiger Bock. Obschon derselbe ganz weiss war, fachte dieser seine Jagdlust so heftig an, dass er die Warnung in den Wind schlug, und denselben bergauf, bergab so rastlos verfolgte, dass er am Ende in seiner blinden Leidenschaft von menschlichen Pfaden weit abkam, und weder vorwärts noch rückwärts kommen konnte. Da rief ihm eine Stimme in vorwurfsvollem Tone zu: «Rieggi, warum verfolgst du meine Geissen, die mich mit Milch und Käse versorgen? Rieggi! Rieggi! nimm den Hut vor deinen Kopf, damit du nicht siehst, wie hoch du fallen musst!» und damit stürzte er in denAbgrund. Die Stelle wird «Rieggis Pfad» geheissen bis auf den heutigen Tag.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch