Wie der Blausee seine Farbe erhielt
Vor Zeiten sah der See im oberen Tal der Kander noch anders aus als heute. Sein Wasser unterschied sich nicht von andern kleinen Berggewässern. Es wohnte aber in der Nähe seiner Ufer eine Magd, die ihr Herz einem Hirten zugewandt hatte. Oft gingen die beiden zu dem Alpsee. Da fiel einst der Hirte, als er in den Flühen im Seiltuch Heu einbringen wollte, über eine Felswand zu Tode. Untröstlich war von der Zeit an die Magd. In mitternächtlicher Stunde schlich sie sich oft zum See, flehte um Wiedergabe des Geliebten. Nach und nach verwirrten sich ihre Sinne. Umsonst war die Mahnung der Eltern, die nächtlichen Besuche aufzugeben. Eine geheimnisvolle Macht zog die Unglückliche immer wieder dorthin. Eines Morgens aber fand man sie auf des Wassers Grund. Von der Stunde an hatte das Seelein eine tiefblaue Farbe angenommen.
Aus: P. Keckeis, M. Waibel, Sagen der Schweiz. Bern, Zürich 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch