Die Prinzessin, die immerfort weinte
Es war einmal ein mächtiger König, der hatte eine einzige Tochter. Die Prinzessin war wunderschön, aber so traurig, dass sie von früh bis spät nichts anderes tat als weinen. Ihre Tränen flossen in einem breiten Fluss aus dem Königsschloss weit durch das Land bis ins Meer. Es war ein gar trauriger Fluss, keine Weide wollte an seinem Ufer wachsen, kein Eisvogel kreiste über dem Wasser, und nicht ein einziges Fischlein schwamm darin.
Der König liess der ganzen Welt verkünden, dass er demjenigen, der die Prinzessin zum Lachen bringe, seine Tochter zur Frau geben wolle und das halbe Königreich noch obendrein.
Da kamen Prinzen aus allen Enden der Welt gezogen. Sie erzählten der Prinzessin lustige Geschichten und versuchten, sie durch allerhand Spässe zum Lachen zu bringen, aber alles war umsonst: Die Prinzessin weinte in einem fort.
Eines Tages aber kamen drei lustige Wanderburschen zum König. Einer davon war ein Schneidergeselle, der zweite ein Schmiedegeselle und der dritte ein Schustergeselle. Die drei wollten die Prinzessin, die immerfort weinte, zum Lachen bringen.
«Ich glaube nicht, dass euch das gelingt», sagte der König. «Es waren schon so viele vor euch da, und die Prinzessin hat nicht einmal gelächelt.»
«Versuchen können wir es ja», schlug der Schneidergeselle vor, trat vor die Prinzessin und sprach:
«Dort, wo ich herkomme, Prinzessin, kennen die Völker so schöne Märchen, dass schon ein paar davon genügen werden, um eure Tränen versiegen zu lassen, eine solche Macht haben sie!»
Und er begann, seine Märchen zu erzählen.
Als er geendet hatte, geschah etwas Unerhörtes: Die Prinzessin hörte auf zu weinen.
Nun trat der Schmied vor und sprach: «Auch ich kenne Märchen; wenn ihr nur ein paar davon hört, so werdet ihr ganz gewiss lächeln.»
Und er begann zu erzählen.
Kaum war das letzte Märchen erzählt, da lächelte die Prinzessin tatsächlich.
Sofort trat der Schuster vor und sprach: «Dort, wo ich herkomme, gibt es Märchen, die sind so schön, dass sie euch ganz gewiss zum Lachen bringen werden.»
Und er fing an zu erzählen.
Als der Schuster seine Märchen erzählt hatte, da begann die Prinzessin zu lachen, erst leise, dann lauter, und schliesslich klatschte sie vergnügt in die Hände und hüpfte auf dem Thron herum.
Doch welcher von den Dreien sollte nun die Königstochter zur Frau bekommen?
«Ich nehme den Schneider!» erklärte sie, «weil der mir am besten gefällt.»
Und daran war nun wirklich nichts auszusetzen.
Aus: Kindermärchen aus alle Welt, © Mutabor Verlag