Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Ratsherren

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Stadt Bern
Kategorie: Sage

In nächtlicher Stunde geht oftmals eine Schar Ratsherren die Treppe des Rathauses hinan, um in einem der Säle eine Sitzung abzuhalten. Jeder von ihnen trägt eine schwarze Mappe unter dem Arm. - Geschäftig, mit vornübergebeugtem Oberkörper steigen sie mit ihren schnallengeschmückten Schuhen die Stufen hinan, um ebenso eilig in das leere Gebäude einzutreten. Eine juristische Frage würden sie erörtern, erzählen die Leute. Wenn alle auf ihren Sesseln Platz genommen haben, steht einer von ihnen auf und hält eine Rede. Und wenn er geendet, dann geht ein Rufen und Schreien an. Die knöchernen Fäuste schlagen laut dröhnend auf den Tisch. Die fleischlosen Kinnladen fletschen aufeinander, die aalhautumwundenen Zöpfe scheinen sträubend und protestierend sich in die Höhe zu stellen. Wenn das Silberglöckchen von der Pendule an der Wand zum Zwölfuhrschlag ausholt, dann erheben sich die Herren eiligst, raffen die Papiere in die Mappe zusammen und stürmen dem Ausgang zu. Ein Mann hatte sich einst hinter dem grossen Ofen versteckt, um den schauerlichen Zug der bekleideten Gerippe an sich vorüberziehen zu sehen. Von Stund an war er mit Blindheit geschlagen.

Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch