Heimweh
Die heilige Zeit treibt so manchen, den das Heimweh sein Leben lang verfolgt, an den Ort seiner Kindheit zurück. In einem alten Hause der innern Stadt öffnen sich zu gewissen Zeiten lautlos die Türen, und über die Schwellen schreitet leise eine junge Bäuerin in der Tracht vergangener Jahrhunderte. Den Schwefelhut am Arm, durchwandert sie alle Räume, in denen sie ihre Kinderspiele gespielt. Vor einem Spiegel bleibt sie stehen und ordnet ihr Haar. «Sie ist wieder da», sagen die Bewohner des Hauses und bemühen sich, ihr nicht in den Weg zu treten. Und wenn sie nochmals durch die Zimmer gegangen ist, dann schliessen sich die Türen lautlos hinter ihr zu, und niemand sieht sie vor den nächsten heiligen Zeiten wieder.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch