Tanzende Beginen
Zur Weihnachtszeit sehen gewisse Personen, denen eine gute Fee eine besondere Sehergabe verliehen oder die unter einem aussergewöhnlichen Stern geboren wurden, sieben Lichtlein über die ruhig dahinfliessenden Wasser der Aare tanzen. Sie heben und senken sich abwechslungsweise. Sie huschen umeinander herum, suchen sich zu erhaschen, um alsdann im Reigen in der Runde zu tanzen. Schon eine Zeitlang dauert das liebenswürdige Spiel. Da holt plötzlich die Turmuhr an der Nydeggkirche zum Mitternachtsschlage aus, ernst, warnend. Ein Zucken läuft durch die Flämmchen. Jetzt ein lautes, schmerzliches Seufzen. Der zweite Schlag - und verschwunden sind die Lichter.
Das seien Beginen, sagt der Volksmund, die in jungen Jahren wider ihren Willen in das Kloster am Klösterlistutz eingesteckt worden seien. In der heiligen Zeit sei ihnen eine Frist vergönnt, um sich für einige Augenblicke für ihre geraubte Jugend schadlos zu halten. Und dies würden sie mit ihrem Tanz über den murmelnden Wellen beim Mondenschein tun.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch