Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Einsamer Spaziergang

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Stadt Bern
Kategorie: Sage

Um die Weihnachts- und Neujahrszeit pflegt ein alter Herr immer denselben Gang, den er in seinem Leben tat, zu gehen. Wenn der Mond sein Licht voll entfaltet hat, tritt er aus seinem Pavillon in der Enge heraus und schreitet, den silberbeschlagenen Stock in der Hand, dem Studerstein zu - in derselben Tracht, die er in seinem Leben getragen: Allongeperücke, Kniehosen, kokette Schnallenschuhe. Einst begegnete ihm ein Arbeiter auf seinem Wege. Voller Verwunderung blieb er stehen und blickte der sonderbaren Gestalt, die seinen Gruss unerwidert gelassen hatte, nach. «Heh!» konnte er nicht an sich halten, ihm nachzurufen. Da stürzten plötzlich aus dem heiterhellen Himmel Wasserfluten auf ihn hernieder. Er eilte davon, so schnell er konnte. Hinter ihm aber donnerte und krachte es, wie er es zuvor noch nie gehört.

Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch