Das Geheimnis des Rosengartens
Ob der, der einem Grabe des Rosengartens immer und immer wieder entstieg, nun, da der Friedhof in einen Park umgewandelt ist, zur Ruhe gekommen ist?
Eine Frau sass mit ihrem Kinde auf einer Bank vor der Mauer, die sich längs des Rosengartens dahinzieht und einen Blick auf die untenliegende Stadt Bern erlaubt. Da setzte sich der dem Grabe Entstiegene neben sie hin. «Rück’ auf die Seite!» sagte die Frau zu ihrem Kinde, wiewohl sie nicht wusste, wer der Mann sei. Aber es wurde ihr Bange, denn den Hut hatte er tief ins Gesicht hinuntergezogen, und der Kopf sass in einem hohen, steifen Kragen, der bis an den Hutrand hinauf reichte. Aber je mehr die beiden auf die Seite rutschten, desto dichter rückte ihnen der Mann auf den Leib. «Steh’ auf!» sagte die Frau zum Kinde, denn nun sass ihr der Mann beinah’ auf dem Schoss. Sie eilten beide der Stadt zu, erschrocken, geängstigt. Noch einmal blickte die Frau zurück nach dem seltsamen Mann. Da sah sie, wie er seine fleischlose Hand erhob und ihr einen Gruss zuwinkte - einen langen, innigen Gruss, als gälte es, von einem lieben Angehörigen Abschied zu nehmen.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch