Neue Lehren
Zur heiligen Zeit war es, da stieg ein junger Geistlicher im Münster auf die Kanzel, um das Wort Gottes zu verkünden. Andachtsvoll lauschte die Menge seinen Reden, denn es war ein neuer Geist, der aus ihnen floss, der Geist der freien Anschauung, der sich über die Schranken des bisher Geltenden hinwegsetzte und ganz neue Begriffe an seine Stelle brachte. Da plötzlich wurde der Prediger stumm. Die Knie fingen ihm an zu wanken. Seine Augen vergrösserten sich in masslosem Schrecken, und keinen Ton brachten seine blassen, trockenen Lippen mehr vor. Was war geschehen?
Man führte den Mann von der Kanzel, man flösste ihm in der Sakristei stärkenden Wein ein. Darauf bestieg er die Kanzel von neuem. Kaum aber hatte sich sein Mund geöffnet, um die heiligen Worte weiter zu verkünden, da wurde er wieder von namenlosem Schrecken erfasst. Nur ihm ersichtlich, tauchte hinter ihm auf der Kanzel eine hohe, schwarze Gestalt auf und legte ihm mahnend, schwer die Hand auf die Schulter.
Sein Vorgänger im Amte war es, den der Tod erst kürzlich seiner Gemeinde entrissen. Hatte den Toten der Geist der neuen Weltanschauung, die von dem Platze aus, den er jahrzehntelang innehatte, verkündet wurde, aus seiner Grabesruhe aufgeschreckt?
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch