Wer sonntags arbeitet...
Es war einmal ein Schneider, der arbeitete Sonntag und Werktag und vernachlässigte darob seine Seele. Er starb noch in jungen Jahren und hatte kein Geld, wiewohl er so viel gearbeitet hatte. Wer sonntags arbeitet, schafft zwei Tage der Woche umsonst. Wiewohl des Schneiders Leib schon lange verwest sein mag, kehrt er doch stets wieder in die Wohnung zurück und, von der Arbeit noch nicht erlöst, rollt er die ganze Nacht Fadenspulen auf dem Boden hin und her. Von Zeit zu Zeit reisst er das Fenster auf, um Luft zu schöpfen. Die aber, welche unten wohnen, verzweifeln fast ob dem Geräusch der herumkollernden Fadenrollen.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch