Die treulose Nonne
In einem Haus unten an der Treppe des Bubenbergraines, in dem einst fromme Frauen beteten, schleicht seit mehr als hundert Jahren eine schwarze Katze herum. Sie streicht durch die schmalen Korridore, über die Lauben, die sich vor den Zellen dahinziehen, verbirgt sich in den zahllosen Nischen und Schränken. «Ich will dich nicht, Büsi», sagte einst ein Mann, der das Tier um Mitternacht vor der Haustür fand. Da funkelten die Augen der Katze zornig auf. Ihr Leib wuchs, wuchs bis ins Unermessliche. Er drohte den Mann zu erdrücken. Da fiel der besinnungslos hin und wurde erst morgens schwerkrank aufgehoben. Einige Tage später wurde er zu Grabe getragen. «Die treulose Nonne hat ihn geschlagen», sagten die, welche um seine Krankheit wussten. Treulos, weil sie ihrem Gelübde nicht nachlebte. - Viele schon vor diesem Manne hatte dasselbe Los erreicht.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch