Mutter und Tochter
Es ist schon lange her, da liebte eine Frau einen Rittersmann. Der aber hatte Zuneigung zu ihr und ihrer Tochter gefasst. Die Tochter zu heiraten, war sein Wille. Die aber gewahrte, dass er dies nur tun wolle, um gleichzeitig auch die Mutter zu besitzen. Deshalb weigerte sie sich und brach jeden Verkehr mit dem Mann ab. Die Mutter aber entschloss sich, ihre Tochter zu töten. Sie sperrte sie in einen Keller ein, aus dem das Mädchen entschwand - wohin und wie, hat nie jemand erfahren.
Von Zeit zu Zeit öffnen sich sämtliche Türen des Hauses mit lautem Krach. Aus den Kästen heraus, aus den Zimmertüren stürmt es und fährt durch das ganze Haus, die Treppen hinauf und die Treppen hinunter. Und lautes Klagen und Schluchzen erfüllt die Räume.
Dann sagen die Nachbarn: «Sie sucht wieder einmal ihre Tochter.» Und wiewohl einige hundert Jahre über die Tragödie dahingegangen sind, hat die unglückliche Frau noch keine Ruhe gefunden und kommt immer wieder an den Ort ihrer Tat und ihres Jammers zurück.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch