Das wilde Heer
Zwischen Weihnacht und Neujahr meidet jeder das Gebiet des Nägelibodens. Der Ritter Nägeli, dessen Harnisch zu Bern im Historischen Museum steht, wird um diese Zeit mit seinem Trosse wach. Dann geht ein Heulen und Sausen durch die Luft, das einem die Haare zu Berge stehen macht. Im Erdinnern ertönt ein Poltern, als stürzten Felsblöcke übereinander. Und plötzlich kommt es dahergelaufen mit Mann und Ross. Hui! rasen sie vorüber - zuvorderst der Ritter Nägeli mit seinem ungeheuerlich grossen Ross und hinter ihm eine ganze Schwadron Pferdeskelette, die auf ihrem hohlen Rücken Totengerippe tragen. Eine halbe Stunde währt das Grauen. Dann wird es in den Lüften wieder still. Mit feurigen Augen hätten sie ihn angeblickt, und eines der Gerippe hätte das Schwert nach ihm geschwungen, wusste lange Jahre nach der Begebenheit ein Mann zu erzählen, der das Unglück hatte, dem wilden Heere zu begegnen. Das Haar war ihm in dieser halben Stunde grau geworden, und das Entsetzen hatte ihm jahrelang die Sinne gelähmt.
Aus: Hedwig Correvon, Gespenstergeschichten aus Bern, Langnau 1919
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch