Der Brenner
Im Egnach, im Winzelisberger Tobel - heute verschwunden durch die Bahnbaute - wo einst die Strasse von Neukirch bis auf die Bachsohle hinabstieg, in Wald und Gesträuch versteckt, erschien in den 20 er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein "Brenner", der allnächtlich die Leute so erschreckte, dass niemand es mehr wagte, nach Einbruch der Dunkelheit die verrufene Stelle zu passieren.
Ein junger Mann, der stärkste und unerschrockenste junge Mann im Egnach, ging eines Abends nach Haslen zu seiner Zukünftigen. Es war eine schöne Sommernacht. Da fiel es ihm auf dem nächtlichen Heimwege ein, von Erdhausen aus einen kurzen Abstecher zu machen und nach dem "Brenner" zu schauen. Er fand ihn wirklich zwischen 12 und 1 Uhr, packte ihn und trug ihn nach Olmishausen. Dort schlug er Alarm, weckte seine Mutter und seine Nachbarn, und als sie auf dem Platze erschienen, sagte er: "Ich habe den Winzelisberger Brenner mitgebracht." Und wirklich, er war zu sehen: auf einem Gartenpfahl aufgesteckt ein mächtiger fauler Weidenstrunk, der in der finstern Nacht stark leuchtete.
Schriftliche Mitteilung von U. Michel, Pfr. in Märstetten
Quelle: A. Oberholzer, Thurgauer Sagen, Frauenfeld 1912
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch