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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Wasserburg im Bodensee

Land: Schweiz
Kanton: Thurgau
Region: Kreuzlingen
Kategorie: Sage

Die reichen Freiherrn von Güttingen besassen drei Burgen. Die eigentliche Burg Güttingen lag am See und war teilweise von Wasser umflossen.

‏Einst war eine grosse Teuerung im Lande. Da sorgten die Herren ringsum für ihre Leute, gaben ihnen Korn und schafften selbst aus der Ferne Lebensmittel herbei. Die Herren von Güttingen aber, deren Speicher reichlich mit Getreide gefüllt waren, erbarmten sich ihrer Angehörigen nicht; sie selbst aber lebten in Saus und Braus. Als nun die Not immer grösser wurde, lief das Volk in Scharen zusammen und flehte die Herren um Brot. Da lockten diese die bettelnden Leute in eine alte Scheune, liessen diese dann durch ihre Knechte schliessen und anzünden. Als die Unglücklichen laut wehklagten und um Erbarmen flehten, rief einer der Freiherren höhnend: "Hört, wie die Mäuse pfeifen!"

‏Alle Leute in der Scheune kamen in den Flammen um; aber diese grausame Tat blieb nicht ungestraft. Zahllose Mäuse belästigten alsbald die Burgen der Herren von Güttingen; da flüchteten sich diese nach ihrer Wasserburg. Allein auch dahin verfolgten sie die Mäuse und frassen sie bei lebendigem Leibe auf. Bald nach dem Tode der Herren von Güttingen versank die Burg in den See, und noch vor etwa achtzig Jahren konnte man bei niedrigem Wasserstande im Grunde des Sees deren Trümmer sehen.

‏Quelle: A. Oberholzer, Thurgauer Sagen, Frauenfeld 1912 
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch