Der Bichelsee
In einem Tale, durch welches die Flussgebiete der Töss und der Murg einst verbunden waren, liegt noch ein kleiner Überrest eines ehemals grossen Sumpfes, der bis gegen Turbenthal reichen mochte, jetzt aber in die engen Grenzen des Bichelsees sich zusammengezogen hat.
Das Volk erzählt, dass dieser See keinen Grund habe und mit vielen Gewässern in Verbindung stehe. Eine andere, dieser zum Teil widersprechende Sage berichtet, dass einst, wo jetzt in bläulichem Grunde, von steilen Ufern eingeschlossen, die Fische spielen, ein dichter, grosser Eichenwald sich ausgebreitet habe. Eine Witwe hatte darauf Eigentumsrechte; aber ein habsüchtiger Nachbar entriss ihr dieselben, und die Gerichte missbilligten seine Gewalttätigkeit nicht. Da verwünschte in gerechten Zorn die bedrängte Witwe das ihr geraubte Gut. Erdbeben, fürchterliche Stürme und Zeichen am Himmel erfolgten, und als es wieder Tag wurde, sah man mit Erstaunen an der Stelle des Waldes einen tiefen See. Die hohen Eichenstämme sollen noch lange unter dem Wasser die Fischernetze zerrissen und den Fischfang erschwert haben. Über und neben dem See hindurch aber spannten die Herren von Haselberg und Bichelsee eine Kette, über welche ein gewandtes Eichhörnchen die Briefe trug, wenn sie einander Wahrzeichen geben wollten.
Quelle: A. Oberholzer, Thurgauer Sagen, Frauenfeld 1912
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch