Mutabor Märchenstiftung

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Katla, die Vulkanhexe

Land: Island
Region: Suðurland
Kategorie: Sage



Ganz in der Nähe des Gletschers Mýrdalsjökull lag einst ein Kloster.  Es wurde von einem freundlichen Abt geleitet. Er hatte eine Haushälterin, vor der sich alle fürchteten, weil sie bösartig und aufbrausend war. Ihr Name war Katla und es hiess, dass sie ein Paar magische Schuhe besass. Wer immer sie anzog, konnte darin laufen, so weit und so lange er wollte, er wurde nicht müde.

Zum Kloster gehörten auch Schafe, die ein Junge names Bardi hütete. Auch Bardi fürchtete Katlas Zorn, vor allem, wenn ein Schaf verloren ging.

Einmal ging der Abt mit Katla zu einer Hochzeit. Bevor sie das Kloster verliessen, sagte Katla zu Bardi: „Pass gut auf die Schafe auf, bring sie vollzählig zum Melken nach Hause, sonst wird es dir schlecht ergehen!“

Als es Abend wurde, trieb Bardi die Schafe nach Hause, aber ausgerechnet dieses Mal fehlten einige Mutterschafe mit ihren Lämmern. Voller Angst machte sich Bardi auf die Suche, doch die Tiere hatten sich weit verstreut, er würde es nie schaffen, sie vor dem Einbruch der Dunkelheit zum Kloster zu treiben.

Entmutigt, kehrte er zurück, als er sich plötzlich an Katlas Zauberschuhe erinnerte. Schnell schlich er sich in ihre Kammer, zog die magischen Schuhe an und machte sich auf den Weg zu den Schafen. Soweit er auch lief, er wurde nicht müde und gerade rechtzeitig, bevor der Abt und Katla nach Hause kamen, hatte er alle Schafe in den Stall getrieben.

Als aber Katla am Abend in ihre Kammer trat, sah sie sofort, dass Bardi die Zauberschuhe benutzt hatte. Ihre Wut war so gross, dass sie in ihrem Zorn den armen Schafhirten packte und in ein Fass mit Skyr steckte.

Aber selbst die boshafte Katla konnte ihre schlimme Tat nicht vergessen. Im Lauf des Winters schaute sie immer wieder im Fass nach und je mehr der Skyr zur Neige ging, desto mehr fürchtete sie, dass man den toten Hirten finden würde.

„Bald wird man seine Füsse sehen!“, murmelte sie immer wieder, „bald wird man seine Füsse sehen!“

Katla fand keine Ruhe mehr. Sie schlüpfte in ihre magischen Schuhe und floh Richtung Gletscher, bis sie in einer Eisspalte beim Mýrdalsjökull verschwand.

Doch kaum war Katla im Berg verschwunden, begann der Vulkan unter dem Gletscher zu grollen und zu donnern. Es gab einen lauten Knall, und heisse Lava[AS1]  und Schmelzwasser schossen aus dem Vulkan bis zum Kloster, das ganz darunter verschwand.

„Daran ist Katla schuld“, sagten die Leute. „Sie war sicher eine Vulkanhexe!“

Seitdem trägt der Vulkan unter dem Mýrdalsjökull den Namen Katla.

Fassung D. Jaenike, in Zeitschrift Märchenforum Nr. 104, © Mutabor Verlag