Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Thórdur von Thrastastadir

Land: Island
Region: Norðurland Vestra
Kategorie: Sage

Thórdur wohnte in Thrastastadir am Skagafjördur. Es war Winter, als er sich auf den Weg nach Hofsós machte, um seine Waren zu verkaufen. Er trug alles in einem schweren Reisesack und ging zu Fuss durch den Schnee. Er kannte den Weg, aber je länger er ging, desto tiefer wurde der Schnee, bis er schliesslich die Spur verlor. Es wurde schon dunkel, als er endlich vor sich ein paar schöne Häuser sah. Er ging darauf zu und entdeckte in einem der Häuser Licht und hörte Musik. Er schaute durch das Fenster und sah Menschen die fröhlich tanzten.

Er ging zur Tür und klopfte. Ein gut gekleideter Mann öffnete und sagte: «Komm herein, sei unser Gast. Bestimmt warst du auf dem Weg nach Hofsós, aber ich verspreche dir, dass du morgen bei mir bessere Geschäfte machen wirst.»

Thórdur trat ein, er schämte sich wegen seiner einfachen, nassen Kleidung, denn im Haus waren alle versammelt, von der Dame des Hauses bis zu den Kindern und Dienern. Alle waren bunt gekleidet und begrüssten ihn freudig.

«Das ist Thórdur», sagte der Hausherr, «er braucht etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen. Seid freundlich mit ihm.»

Die Frau des Hausherrn stand auf, stellte reichlich Essen vor Thórdur hin und sagte: «Es tut mir leid, dass du in Not geraten bist. Iss und trink, damit du wieder zu Kräften kommst.»

Thórdur wurde Wein eingeschenkt, er ass und trank, und es war ihm, als hätte er noch nie in seinem Leben so guten Wein getrunken und so freundliche Menschen getroffen.

Müde und zufrieden schlief er bald ein.

Am nächsten Morgen gab es ein gutes Frühstück und dann zeigte ihm der Hausherr sein Lagerhaus. Sie wurden schnell handelseinig und Thórdur bekam so viel für seine Ware, dass er davon noch Getreide, Leinen und vieles mehr kaufen konnte. Als er sich verabschiedete, war sein Reisesack schwerer als zuvor.

Zum Schluss schenkte ihm der Hausherr einen wertvollen Mantel und einige Kuchen und sagte: «Das ist für deine Frau und deine Kinder als Dank dafür, dass du einmal meinen Sohn vor dem Tod gerettet hast.»

Thórdur, der sich sicher war, den Mann und seine Kinder noch nie zuvor gesehen zu haben, schwieg betroffen, als dieser erzählte: «Vor einiger Zeit, standest du mit anderen Männern am Felsen bei Thordarhöfdi, um mit dem Boot nach Drangey zu fahren. Die anderen waren ungeduldig und warfen mit Steinen auf den Felsen. Du aber hast sie gebeten aufzuhören und damit hast du unserem Sohn das Leben gerettet, denn er war an einer verborgenen Stelle unter dem Felsen eingeschlafen.»

Nun machte sich Thórdur auf den Heimweg und der Mann begleitete ihn noch eine Weile, zeigte ihm den richtigen Weg und verabschiedete sich schliesslich.

Als Thórdur sich umdrehte, um nach dem Haus zu sehen, in dem er die Nacht verbracht hatte, war es nicht mehr da. Jetzt wusste er, dass er bei den Elfen gewesen war, und er erkannte auch die Felsen wieder, es war die Stelle bei Thordarhöfdi.

Zu Hause angekommen, erzählte er seiner Frau alles und zeigte den Nachbarn, die Waren, die er in seinem Reisesack hatte, auch den kostbaren Mantel und alle waren sich einig, dass man so etwas Schönes noch in keinem Land unter der Sonne gesehen hatte.

Fassung Djamila Jaenike nach: G.E. J. Powell, E. Magnusson, Icelandic Legends, collected by Jón Árnason,  Band 1 London 1866, siehe auch Zeitschrift Märchenforum, Mytisches Island. © Mutabor Verlag