Mutabor Märchenstiftung

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Der Traum des Prinzen

Land: Armenien
Kategorie: Novelle

Es war einmal ein Königssohn, der hatte einen Traum. Er sah, wie die Sonne und der Mond sich vor ihm verneigten. Am nächsten Morgen erzählte seinen Eltern von seinem Traum. Der Vater wurde böse und sagte: „Die Sonne bin ich und der Mond ist deine Mutter. Wir werden uns niemals vor dir verneigen!“ Er rief die Wachen und sperrte seinen Sohn ins Gefängnis. Die Königin aber versteckte ihren Sohn in einer Kiste, gab ihm einen Beutel Gold und einen Ring mit und liess die Kiste auf das Meer hinausbringen.

Die Kiste wurde von den Wellen in ein anderes Königreich getragen. Dort fand sie ein Fischer und entdeckte den Jungen darin. Von dem Gold kaufte er ihm Kleider und Essen und schickte ihn in die Schule.

So vergingen die Jahre und der Prinz lernte viel, sogar die Sprache der Tiere.

In diesem Königreich lebte ein alter König. Eines Tages sassen drei Raben auf dem Dach des Schlosses und krächzten. Man verjagte sie, aber sie kamen jeden Tag wieder.

Da liess der König ausrufen: „Wer mir sagen kann, was die Raben krächzen, bekommt eine grosse Belohnung“.

Aber niemand wusste, was die Raben krächzten, ausser dem Prinzen.

Er ging zum Schloss und sagte: „Die drei Raben sind Mutter, Vater und Sohn. Vater und Mutter streiten sich, denn die Rabenmutter hat das Ei allein gelassen und der Rabenvater musste das Junge aufziehen. Nun wollen sie wissen, zu wem das Rabenkind gehört.“

Der alte König überlegte, dann sagte er: „Da du so klug bist, sollst du Recht sprechen.“

Der junge Mann antwortete: „Es ist schwer ein Kind allein aufzuziehen, deshalb gehört das Kind zu seinem Vater.“

Kaum hatten die Raben das gehört, flogen sie davon. Der alte König aber sprach: „Ich bin alt geworden und habe keinen Sohn. Du sollst mein Nachfolger werden.“

So wurde der fremde Prinz König. Er holte den Fischer, der ihn aufgezogen hatte, in Schloss. Dann liess er für die Armen jeden Tag Suppe kochen. Jeder, der von der Suppe ass, konnte so viel nehmen wie er wollte, er musste nur seinen Namen aufschreiben lassen.

Seinen Eltern aber ging es schlecht. Sie verloren ihr Königreich, wurden arm und hungerten. Da hörten sie von dem König, der den Armen zu essen gab, und sie reisten in das andere Königreich. Sie assen von der Suppe und ihre Namen wurden auf der Liste eingetragen.
Jeden Tag las der König die Namen der Armen und da entdeckte er die Namen seiner Eltern. Er rief die Wächter zu sich und sagte: „Bringt die beiden zu mir.“

Vater und Mutter traten vor den Thron und verneigten sich, aber sie erkannten ihren Sohn nicht.

Der König zeigte auf seine Hand und fragte: „Erkennt ihr diesen Ring?“
Da erkannten sie ihren Sohn und begannen zu weinen. Der Vater bat seinen Sohn um Verzeihung und sie schlossen Frieden miteinander. Sie feierten ein grosses Fest und lebten noch lange glücklich zusammen im Schloss.

Sie haben ihr Ziel erreicht, möget ihr auch euer Ziel erreichen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: I. Levin, Armenische Märchen, Düsseldorf/Köln 1982, unter dem Titel: Mond und Sonne. © Mutabor

Armenien ist ein Binnenstaat in einer strategisch wichtigen Region des südlichen Kaukasus. Es war das erste Land, das das Christentum als Staatsreligion annahm. Es hat politisch eine wechselvolle Geschichte mit mehreren Pogromen gegen die armenische Bevölkerung. Seit der Unabhängigkeit 1991 führen Grenzkonflikte und Korruption zu Auswanderungswellen, da die Menschen um ihre politische und religiöse Sicherheit fürchten.