Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Zwerge in der Rotachenschlucht

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental
Kategorie: Sage

Früher lebten in der Nähe von Brenzikofen Zwerge. Sie wohnten in einer Höhle oberhalb der Felswand, wo die Rotache Richtung Tal fliesst. Die Zwerge halfen den Bauern im Sommer beim Heuen und im Herbst füllten sie die Körbe mit Äpfeln und Nüssen. Manchmal waren die Kühe morgens schon gemolken und ein Fässchen frische Butter stand bereit. 
Abends sah man, wie die Zwerge mit ihren Laternen in der Rotachschlucht verschwanden. 
Man erzählte sich, dass ihre Höhle voller Gold sei. Nachts streuten sie davon in den Bach. Am nächsten Morgen entdeckten die Leute das Glitzern im Wasser und fanden die Goldstückchen. Bald wurden sie reich und es fehlte ihnen an nichts. So ging es viele Jahre. 
Doch einmal im Winter bemerkte ein Bauer, dass die Zwerge keine warmen Kleider hatten. Da taten sie ihm leid und er dachte: «Sie tun und so viel Gutes, da will ich ihnen zum Dank etwas schenken».
Am nächsten Morgen ging er zum Schneider und liess zwölf winzige Hemdchen nähen.
Abends legte er die Hemdchen in einen Korb vor den Stall und wartete hinter dem Heu versteckt auf die Zwerge. Bald hörte er ein Trippeln und Trappeln und sah im Schein der kleinen Laternen, wie die Zwerge den Korb mit den zwölf Hemdchen entdeckten. Freudig schlüpften sie hinein, bestaunten sich in ihren neuen Kleidern und sangen:

Wir sind zwölf feine Zwerge
Gehen heim in unsere Berge.
Von jetzt an wollen wir nichts mehr tun
Als von schwerer Arbeit auszuruhn.

Dann sprangen sie davon und wurden nie wieder gesehen. Aber wer gut hinschaut, entdeckt ein goldenes Glitzern im Wasser der Rotache. Vielleicht wohnen die Zwerge immer noch oben in einer Höhle und streuen nachts Gold in den Bach?

Interessant zu wissen
Sagen wie die von den Zwergen in der Rotachenschlucht zeigen, wie sich die Menschen das Gold im Wasser erklärten. Damit verbunden ist das Motiv der helfenden Zwerge, die verschwinden, wenn sie «belohnt» und mit Kleidern beschenkt werden. Im Märchen ist dies meist der Zeitpunkt, an dem die Menschen nicht mehr auf die Hilfe der Zwerge angewiesen sind. Am Gold im Bach erkennt man, dass sie den Menschen immer noch Gutes tun.

Neu erzählt nach: H. Wahlen, Emmentaler Sagen, Bern 1962, © Mutabor Märchenstiftung. Diese Sage ist Teil des helvetischen Goldmuseums "Goldkammer" im Schloss Burgdorf. Erzählerin: Claudia Büttler, Vorleserin: Luciana Brusa