Wie die Blumen erschaffen wurden
Als die Blumen erschaffen waren, standen sie alle da und beschauten ihre Füsschen, auf denen sie fest und aufrecht stehen konnten. Sie freuten sich über ihre grünen Blätter, die sich im Morgenwind bewegten und staunten über die Blütenkronen, die der Schöpfer ihnen geschenkt hatte, jede in der Farbe, die ihr am liebsten war, dazu bekam jede einen passenden Namen. Zuletzt fragte er jede Blume, wo sie wohnen möchte. Wenn sie ihren Wunsch ausgesprochen hatte, trug sie ein Engel hin und pflanzte sie ein. Die eine Blume wollte auf dem Berg wohnen, die andere im Tal, die eine in trockener, die andere in sumpfiger Erde. Die meisten Blumen wollten in den Wiesen wohnen, im Wald aber mochte keine wachsen, da war ihnen zu wenig Sonnenschein.
Als nun die Sonne die Blumen zum Leuchten brachte, wurde der Wald traurig. Die Bienen und die Vögel zogen alle auf die Wiesen und er blieb leer zurück. Da fing er an, dicke Harztränen zu weinen und rief: «Ach, kämen doch ein paar Blumen zu mir, dann würden die Vögel und die Bienen auch zurückkehren.»
Die Maiglöckchen, die damals auf der Wiese blühten, hörten die Klagen und sprachen zu den anderen Blumen: «Wollen wir nicht in den Wald ziehen? So schlimm kann es dort nicht sein.»
Sie zogen ihre Beinchen eins nach dem andern aus der Erde und trippelten in den Wald hinein. Der Wald nahm sie dankend bei sich auf, und die Bäume breiteten schützend ihre Zweige über ihnen aus. Deshalb muss, wer Maiglöckchen sucht, gute Augen haben, denn der Wald will sie nicht gerne hergeben und hält sie gut verborgen. So hatte also jede Blume ihren Platz gefunden, manche sogar hoch oben, nah beim ewigen Schnee, und sie freuten sich über ihre schönen Blütenkleider und die hübschen Namen. Eine Blume aber, mit zarten, himmelblauen Blüten, stand traurig am Bach und weinte still vor sich hin. Als am Abend der Schöpfer noch einmal über Feld und Wiesen wandelte, um zu sehen, wie es seinen Blumen ging, sah er das weinende Blümchen. «Warum weinst du denn?», wollte er wissen.
Da erzählte das himmelblaue Blümchen: «Ach Herr, ich stand am Bach, freute mich über mein schönes Blütenkleid und schaute dem Bächlein zu, da vergass ich meinen Namen.»
«Hättest du mich doch gerufen, ich weiss die Namen von allen Blumen. Aber damit du deinen Namen nicht mehr vergisst, sollst du von nun an Vergissmeinnicht heissen.»
Und dieser Name ist der Blume bis heute geblieben.
Als der Schöpfer nun alles so wunderbar erschaffen hatte, bekam jeder Engel ein Beet, darauf durfte er seine Lieblingsblumen pflanzen. Da begann ein emsiges Wählen und bald leuchteten auf den Beeten die schönsten Blumen: Himmelsschlüssel, Vergissmeinnicht, Gänseblümchen, Maiglöckchen, Nelken, Rosen und Narzissen und ihr Duft zog durch den Himmelsgarten.
Ein Engel aber hatte geduldig gewartet und die anderen zuerst wählen lassen. Aber als er an die Reihe kam, war keine Blume mehr übriggeblieben. So stand er traurig bei seinem leeren Beet, als der Schöpfer durch den Garten ging, um sich die Blumenbeete der Engel anzuschauen. Der Schöpfer hatte Mitleid mit dem Engel und sprach: «Ich schenke dir eine Pflanze, die die Blume der Geduldigen und Bescheidenen werden soll», und in diesem Augenblick erblühten auf dem Beet des Engels die schönsten Veilchen.
Als später die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden, durften sie Samen von allen Blumen mitnehmen, nur nicht vom Veilchen. Da bat der Engel, den Menschen doch auch dieses Blümchen mitzugeben, und der himmlische Schöpfer schenkte den Menschen auch das bescheidene Veilchen.
Er gab den Menschen zwei Engel mit auf den Weg, die trugen ein Veilchen in der Hand und pflanzten es auf der Erde ein. Dort blüht es bis auf den heutigen Tag als Erinnerung an den Himmelsgarten.
Aus: Blumenmärchen aus aller Welt, ©Mutabor Verlag