Der Storch mit der goldenen Feder
Es war einmal ein Mädchen, das lebte ganz allein mit dem kranken Vater in einer einfachen Fischerhütte. Jeden Morgen ging es zum Fluss und warf das Netz aus, um Fische zu fangen. Diese verkaufte es auf dem Markt und konnte so etwas Brot und Heilmittel für den Vater kaufen.
Aber manchmal fing es keinen einzigen Fisch. Dann ging es traurig nach Hause und sagte zum Vater: «Morgen versuche ich es wieder. Morgen habe ich vielleicht mehr Glück.»
Am nächsten Morgen ging das Mädchen wieder zum Fluss. Es legte die Netze aus und sah einige Störche am Himmel fliegen. Sie kamen aus dem Süden und kehrten zu ihren Nestern zurück. Ein Storch setzte sich auf das Dach der Fischerhütte. Er klapperte lustig mit seinem Schnabel und beobachtete das Mädchen beim Fischfang. Diesmal war das Netz ganz voll, und das Mädchen rief dem Storch zu: «Du hast sicher auch Hunger. Komm her, dieser kleine Fisch ist für dich!»
Da flog der Storch vom Dach herab, stakste auf seinen langen Beinen auf das Mädchen zu und freute sich über den Fisch.
Von diesem Tag an begleitete der Storch das Mädchen jeden Morgen zum Wasser. Es war, als bringe er Glück, denn das Netz war immer voll, und das Mädchen teilte seinen Fang gerne mit seinem langbeinigen Freund.
So vergingen der Frühling und der Sommer. Als der Herbst kam, sah das Mädchen, wie die anderen Vögel in den Süden flogen. Auch die Störche zogen wieder über den Himmel. Aber der Storch begleitete das Mädchen wie jeden Tag zum Wasser. Als es ihm einen schönen Fisch zuwarf, klapperte er freudig mit dem Schnabel und sprach plötzlich mit menschlicher Stimme: «Ich bleibe auch im Winter bei dir, wenn du mir versprichst, dass ich nicht frieren und hungern muss.»
Das Mädchen freute sich sehr und sagte: «Ich habe dich schon sehr liebgewonnen. Du darfst im Winter zu uns in die Hütte ziehen und mit uns das Essen teilen.»
Als es immer kälter wurde und der Frostwind über das Land zog, lud das Mädchen den Storch in die Hütte ein. Er durfte sich am Ofen wärmen, und das Mädchen teilte das wenige Essen mit ihm. Doch als der Schnee hoch lag und der Fluss zufror, da fand das Mädchen keine Fische mehr. Bald hungerten sie alle drei, und der Vater wurde immer schwächer.
«Ach, wäre ich doch reich», seufzte das Mädchen, «dann könnte ich Medizin für meinen Vater kaufen.»
Da klapperte der Storch mit seinem Schnabel und sprach zum Mädchen: «Vielleicht kann ich dir helfen, denn ich bin kein Storch wie die anderen, ich bin ein Zaubervogel, und unter meinem Flügel ist eine goldene Feder.»
Nach diesen Worten hob er seinen Flügel und zeigte die glänzende Feder. «Zieh sie heraus, dann wird es dir und deinem Vater an nichts mehr fehlen.»
Das Mädchen zog vorsichtig an der Feder, zeigte sie dem Vater und rief: «Schau, Vater, was der Storch uns geschenkt hat! Eine goldene Feder.»
Sie bestaunten den Glanz der Feder, aber als sie sich beim Storch bedanken wollten, war er verschwunden.
Am nächsten Tag brachte das Mädchen die goldene Feder in die Stadt zum Goldschmied und bekam so viel Geld dafür, dass es die beste Medizin für den Vater kaufen konnte.
Als der Frühling kam, war der Vater wieder ganz gesund. Aber der Storch blieb verschwunden. Wahrscheinlich war er weitergeflogen, um anderen freundlichen Menschen zu helfen, die seine Hilfe brauchten. Wenn du aber eine goldene Feder siehst, dann weisst du, dass er auch bei dir war.
Fassung D Jaenike, nach: H. v. Wlislocki, Märchen und Sagen der Transilvanischen Zigeuner, Berlin 1886.