Sonne und Mond
Vor langer Zeit heiratete der Herr der Sonne die Mondfrau. Sie liebten sich sehr, doch der Herr der Sonne war oft auf Reisen. Währenddessen wanderte die Mondfrau sehnsüchtig am Nachthimmel umher und wartete, darauf, dass die Sonne zurückkehrte.
Die Mondfrau war sehr schön und der Herr der Sonne ein sehr eifersüchtiger Ehemann. Er ärgerte sich über die Wolken, die der Mondfrau über die Wangen strichen, und er war eifersüchtig auf das Wasser, in dem sich die Mondfrau spiegelte.
Ach, die Mondfrau war aber auch zu schön! Ihr sanftes Licht schien sogar bis in die Kammern der Menschen, sodass mancher Mann nachts voller Sehnsucht zu ihr hinaufschaute.
Schliesslich wurde es dem Herrn der Sonne zu viel: „Die ganze Nacht spazierst du über den Himmel und deine Schönheit lässt die Menschen nicht mehr schlafen. Wer weiss, wo du überall hineinscheinst. Es ist besser, wenn du in Zukunft dein Gesicht verbirgst und einen Schleier trägst.“
„Warum sollte ich einen Schleier tragen?“, fragte die Mondfrau. „Ich bin immer so allein, was kann ein wenig Bewunderung schon schaden?“
Doch der Herr der Sonne liess sich nicht erweichen und drohte: „Wenn du keinen Schleier trägst, suche ich mir eine andere Frau. Siehst du die Venus dort? Sie trägt ebenfalls einen zarten Schleier. Ja, ich werde die Venus heiraten!“
Nun erschrak die Mondfrau. Sie liebte ihren Sonnenmann und freute sich daran, dass sein Glanz auch sie erhellte.
„Nun gut, ich werde einen Schleier tragen“, versprach sie.
Zufrieden machte sich der Herr der Sonne auf seine Himmelsreise. Die Mondfrau aber wanderte ohne Schleier am Nachthimmel und liess sich bewundern. Erst in der Morgendämmerung, wenn der Herr der Sonne nach Hause kommt, verhüllt sie seither ihr Gesicht hinter den Nebelschleiern, die von den Wiesen aufsteigen.
Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Chimenti, Legendes marocaines. Vol. 1, Paris 1959, unter dem Titel: Le soleil et la lune © Mutabor
Marokko liegt im Nordwesten Afrikas. Die Bevölkerung besteht mehrheitlich aus Arabern, die Politik und Verwaltung dominieren, sowie Berbern, deren Sprache Tamazight erst 2011 offiziell anerkannt wurde. Obwohl Marokko als eines der stabileren Länder der Region gilt, treiben hohe Arbeitslosigkeit, politische Repression, regionale Ungleichheit und Korruption viele Menschen aus Marokko zur Auswanderung. Zudem verschärfen Dürren und Wassermangel die Lebensbedingungen.