Mutabor Märchenstiftung

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Wie ein armer Mann Wesir wurde

Land: Marokko
Kategorie: Novelle

Es war einmal ein armer junger Mann. Seine Eltern waren alt und krank. Deshalb sammelte er Holz und verkaufte es auf dem Markt, damit sie nicht hungern mussten.  Eines Tages gab es ein schreckliches Unwetter. Der Kalif des Landes befahl: «Niemand darf das Haus verlassen.»
Der junge Mann hörte davon und dachte verzweifelt: «Was sollen wir essen, wenn ich kein Holz sammeln und verkaufen kann?» Schliesslich schlich er sich aus dem Haus in Richtung Wald. 
Der Kalif schaute gerade aus seinem Palast in die Ferne, als er den jungen Mann Richtung Wald gehen sah. Er rief die Wachen zu sich und sagte: «Dort ist ein junger Mann im Unwetter draussen. Holt ihn hierher!»
Die Wachen holten den Mann und führten ihn vor den Kalifen. Dieser fragte: «Warum hast du mein Verbot nicht beachtet?»
«Herr», antwortete der junge Mann, «ich habe etwas ausgeliehen bekommen und arbeite, um es zurückzugeben.»

Der Kalif wunderte sich über die schlaue Antwort. Er liess ihm einen ganzen Sack mit Weizen geben und sagte dann: «Geh damit nach Hause. Wenn ich dir einen Esel schicke, so rupfe ihn wie ein Huhn.»
Der junge Mann nickte, und ging zufrieden davon. Der Wesir aber, der alles gehört hatte, fragte: «Herr, was meinte er mit den Worten: Ich habe etwas geliehen bekommen und arbeite, um es zurückzugeben?»
Der Kalif antwortete verärgert: «Du bist mein Wesir und verstehst die Worte eines jungen Mannes nicht? Ich gebe dir drei Tage Zeit, um die Bedeutung dieser Worte herauszufinden. Sonst verlierst du deinen Kopf.»

Der Wesir erschrak. Er ging nach Hause und überlegte den ganzen Tag, fand aber keine Lösung. Am zweiten Tag ging er zu den Ratgebern des Kalifen. Aber auch sie fanden keine Lösung. Am dritten Tag war der Wesir so verzweifelt, dass er einen Maulesel nahm und zur Hütte des armen jungen Mannes ritt.

Er klopfte und der junge Mann öffnete die Tür. «Du musst mir die Worte erklären, die du dem Kalifen gesagt hast. Sonst muss ich in drei Tagen sterben!», bat der Wesir. Der Junge zeigte auf seine kranken schwachen Eltern und sagte: «Was gibst du mir, wenn ich es dir verrate?»

Der Wesir trug einen wertvollen Fez. Den bot er dem jungen Mann an. Aber dieser schüttelte den Kopf. Der Wesir legte seinen wertvollen Mantel dazu. Doch der junge Mann schüttelte den Kopf.

Schliesslich schlüpfte der Wesir aus seiner Hose, gab sein teures Hemd, seinen Schmuck und schliesslich auch noch die Schuhe dazu. Auch den Maulesel musste er versprechen. Dann sagte der junge Mann: «Meine Eltern sind sehr arm. Sie haben Jahr für Jahr schwer gearbeitet, damit ich nicht hungern musste. Jetzt sind sie alt und krank und ich arbeite, um das Gute, das sie mir in meiner Kindheit geschenkt haben, zurückzugeben. Das ist die Bedeutung meiner Worte».

Der Wesir wartete, bis es dunkel war, dann schlich er fast nackt in den Palast.  Am nächsten Morgen führte der junge Mann den Maulesel mit den Kleidern und dem Schmuck des Wesirs zum Palast und sagte: «Das ist ein Geschenk für den Kalifen.»

Als der Kalif den Maulesel sah und die Kleider erkannte, lachte er. Er liess den jungen Mann zu sich kommen und sagte: «Ich sehe, dass du schlau bist, denn du hast meine Weisung, dass du einen Esel rupfen sollst wie ein Huhn verstanden. Verstecke dich hier und warte, bis ich dich rufe.»

Als der ganze Hof versammelt war, rief der Kalif den Wesir zu sich und fragte: «Nun, erkläre mir die Worte des jungen Mannes, sonst verlierst du deinen Kopf.»

Der Wesir verbeugte sich und erzählte, was der junge Mann ihm gesagt hatte.
«Wo hast du die Antwort auf das Rätsel gefunden?», wollte der Kalif wissen.
«In einem alten Buch», behauptete der Wesir.

Da liess der Kalif den jungen Mann mit dem Maulesel und den Kleidern des Wesirs kommen. Der Wesir wurde totenbleich und noch bevor die Wachen ihn packen konnten, war er auf und davon.
Der Kalif sprach zum armen Mann: «Du sollst von heute an mein Wesir und Ratgeber sein. Hol deine kranken Eltern hierher, damit es ihnen an nichts fehlt.»
So wurde aus dem armen jungen Mann der Wesir des Kalifen, und er lebte noch lange in Glück und Zufriedenheit.

Fassung Djamila Jaenike © Mutabor, nach: S. Karig, T. Bodrogi, G. Dubovitz, Das Herz der Sterne, Budapest 1972, unter dem Titel: Der Holzhacker und der Kalif Harun Al-Raschid​​​​​

Marokko liegt im Nordwesten Afrikas. Die Bevölkerung besteht mehrheitlich aus Arabern, die Politik und Verwaltung dominieren, sowie Berbern, deren Sprache Tamazight erst 2011 offiziell anerkannt wurde. Obwohl Marokko als eines der stabileren Länder der Region gilt, treiben hohe Arbeitslosigkeit, politische Repression, regionale Ungleichheit und Korruption viele Menschen aus Marokko zur Auswanderung. Zudem verschärfen Dürren und Wassermangel die Lebensbedingungen.