Mutabor Märchenstiftung

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Die goldene Kutsche

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Sage

Am Weihnachtsabend saß die Familie um den Ofen und die Großmutter erzählte Geschichten. Je länger der Abend dauerte, desto wunderbarer wurden die Geschichten. 

«Ich erzähle euch von der goldenen Kutsche, die mein Urgrossvater Pierre Rerrat gesehen hat. 

Eines Tages ging er mit seiner Frau zu Fuß von Buix nach Porrentruy, um seinen Bruder zu besuchen und gemeinsam in die Kirche St. Pierre zur Mitternachtsmesse zu gehen. Es war schon dunkel. Ein eisiger Wind trieb die dicken Schneeflocken vor sich her. Sie hatten die Mützen tief in die Stirn gezogen und den Schal bis zur Nase gewickelt, als sie plötzlich Lichter im Schneetreiben sahen. Weit und breit war kein Haus und kein Mensch zu sehen. Etwas Unheimliches überkam die beiden. Der Mann ging voraus und die Frau blieb dicht hinter ihm. Als sie den Lichtern näher kamen, sahen sie, dass es zwei Laternen waren, die an einer goldenen Kutsche befestigt waren. Die Tür der Kutsche stand offen, aber niemand war da, nicht einmal der Kutscher.

Da es den beiden so kalt war, stiegen sie in die Kutsche und die Frau sagte seufzend: «Ach, ich würde eine ganze Novene zur Muttergottes von Loreto beten, wenn uns die Kutsche nach Pruntrut bringen könnte».

Da schlossen sich die Türen der Kutsche und die Pferde setzten sich in Bewegung. Von weitem sahen sie durch die Fenster der Kutsche die Lichter der Dörfer, dann das Schloss von Porrentruy. Plötzlich raste die Kutsche den Pass Les Malettes hinauf. Benommen von der Geschwindigkeit verloren beide das Bewusstsein.

Vor dem Portal einer wunderschönen Kirche kamen sie zu sich. Aus der Kirche erklangen Lobgesänge. Menschen sprachen zu ihnen in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Sie wurden durch die Kirche zur Krippe geführt. Dort stand ein bärtiger Mann in prächtigen Gewändern, so schön oder noch schöner als die des Bischofs von Basel. Dieser Mann sagte: «Ihr seid in Bethlehem, wo vor tausend Jahren das Jesuskind geboren wurde. Jedes Jahr in der Weihnachtsnacht bringt die goldene Kutsche die guten Menschen zur Krippe und beschenkt sie».

So schnell die Reise mit der goldenen Kutsche ging, so lange dauerte der Rückweg nach Buix. Erst zwanzig Jahre später kamen sie wieder, beladen mit Gold, Silber und Diamanten. Jetzt waren sie die reichsten Leute in der Gegend und der Mann wurde sogar Bürgermeister».

«Das glauben wir nicht!», riefen die Enkel.

Aber die Großmutter lächelte nur und sagte: «Doch, doch. Denn mein Urgroßvater war wirklich zwanzig Jahre im Heiligen Land und kam reich zurück. Wer weiß, vielleicht taucht die goldene Kutsche auch dieses Jahr wieder in der Heiligen Nacht auf?»

Gemeinsam gingen sie zu den Ställen, fütterten die Tiere an der Krippe, wie sie es jedes Jahr am Heiligen Abend taten, und machten sich dann auf den Weg zur Mitternachtsmesse.

Fassung Djamila Jaenike, nach: "Le carrosse divin", aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor