Mutabor Märchenstiftung

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Die Irrlichter bei Montoie

Land: Schweiz
Kanton: Jura
Kategorie: Sage

Im Tal der Allaine wurde früher viel Flachs angebaut. Zusammen mit der Wolle der Schafe, die auf den Wiesen weideten, stellte man daraus die beliebte Mi-Laine her. Dazu wurden im Winter die Spinnerinnen und Hasplerinnen auf die Höfe bestellt, wo sie das feine Garn spannen und sich so ihren Lebensunterhalt verdienten. 

Auch auf den Höfen Derrière Mont-Terri, Plain-Mont und Champ-Grain warteten Flachs und Wolle auf die fleissigen Frauen. Doch in jenem Winter hatte es viel geschneit und geregnet, und die Flüsse führten viel Wasser, als sich die Spinnfrauen auf den Weg machten. 

Sie trugen ihre Haspeln und Spinnräder mit sich und liefen Richtung Holzbrücke, die über den Zufluss der Allaine führte. Doch da sahen sie, dass der Fluss über die Ufer getreten war und sich vor ihnen ein eisiger See gebildet hatte, der gurgelnd Wasser in Richtung Allaine führte.  Verzweifelt versuchten die Spinnfrauen den See zu durchwaten, doch sie wurden vom Wasser mitgerissen und verloren ihr Leben. Auf den Höfen wartete man auf die Frauen. «Hätten sie nicht schon längst hier sein müssen?», überlegten die Bauern. Nach einigen Tagen machte man sich auf die Suche nach ihnen, aber sie blieben verschwunden. Manche sagen, dass man auf dem Grund des Flusses noch eine Haspel oder ein Spinnrad sehen kann.

Nicht lange darauf waren zwei Mönche vom Kloster Lucelle auf dem Weg zum Schloss Porrentruy. Sie liefen an der überschwemmten Ebene entlang und suchten einen nach einem Weg, den Fluss zu überqueren. Aber auch sie wurden vom Wasser mitgerissen.

Vom vielen Wasser ist im Wald von Montoie ein kleiner See entstanden, der Étang de la Montoie.

Man erzählt sich, dass manchmal über dem Wald Irrlichter flackern. Das,  so sagt man, sind die Mönche und die Spinnfrauen. Weil sie ihr Ziel nicht erreicht haben, finden ihre Seelen keine Ruhe. Sie wandern durch den Wald und über die Felder und suchen den richtigen Weg. Es heisst, wer um diese Zeit den Wald von Montoie betritt, findet den rechten Weg nicht mehr, irrt stundenlang umher und findet erst nach Hause, wenn die Irrlichter im Morgengrauen erlöschen.

Fassung Djamila Jaenike, nach " Les Feux-Follets de la Montoie"  aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch