Das verlassene Dorf
Hier und da gab es im Jura einst ein Dorf, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Von einem solchen Dorf erzählt die folgende Geschichte:
In einer Zeit, in der die Vögte so hohe Abgaben forderten, dass die Armen hungern mussten, lebte einmal ein Bauer mit seinen zwei Söhnen. Sie waren so arm, dass sie sogar nachts droschen, um genügend Körner dem Vogt abgeben zu können zu sammeln.
In einer jener Nächte klopfte es an der Tür, und ein Wanderer bat um ein Nachtlager. Der Bauer ließ ihn ein und sagte: «Komm herein, wir teilen gerne mit dir den Platz am Feuer. Aber diese Nacht ist es laut, denn wir dreschen das letzte Korn, damit wir den Vogt morgen zufriedenstellen können.»
Der Wanderer sah die ausgehungerten Gesichter des Bauern und seiner Söhne und hatte Mitleid mit ihnen. Er hielt seine Laterne näher ans Stroh, so nah, dass der Bauer rief: «Pass auf, sonst brennt es!»
Doch als das Licht der Laterne die Ähren traf, kullerten auf einmal viele Weizenkörner heraus. Es waren so viele, dass bald der ganze Heustock voll war. Staunend blickte der Bauer auf den Haufen Korn. Er wollte sich für das Wunder bedanken, doch der Wanderer war verschwunden.
«Das muss der Sohn Gottes persönlich gewesen sein, der uns in der Not geholfen hat», dachte der Bauer.
Von nun an war der Bauer reich. Er konnte seine Schulden bezahlen und kaufte sich ein neues, größeres Bauernhaus. Doch schon bald hielt er sich für zu fein zum Arbeiten. Er ließ die Armen aus dem Dorf schuften, zahlte ihnen nur einen geringen Lohn und sparte beim Essen. Aber der Reichtum hielt nicht lange, die Schulden häuften sich, und bald hungerten sie wieder und droschen Korn in der Nacht.
«Was mein nächtlicher Gast konnte, das kann ich auch», dachte der Bauer. Er nahm seine Laterne und hielt sie dicht an die Ähren. Doch plötzlich sprang ein Funke aus der Lampe, das Stroh fing Feuer und bald darauf brannte das ganze Haus. Am nächsten Tag blieben dem Bauern nichts als die zerrissenen Kleider und ein Häuflein Asche.
Die Nachbarn aber hatten kein Mitleid. Sie verschlossen ihre Häuser und lachten hämisch über das Elend der Bauernfamilie. So blieb dem Bauern nichts anderes übrig, als mit seiner Familie an einen anderen Ort zu ziehen. Als sie sich auf der Dorfstrasse auf den Weg machten, warf einer einen Stein nach dem Bauern. Er traf ihn so unglücklich, dass er umfiel und starb.
Im Dorf kehrte jedoch keine Ruhe mehr ein. Ein Blitz schlug ein und brannte Häuser nieder, die Weizenpest zerstörte die Felder, und weil niemand dem anderen helfen wollte, starb bald einer nach dem anderen. Die Jungen zogen fort, das Dorf zerfiel – und heute kann man nichts mehr davon sehen.
Fassung Djamila Jaenike, nach: "Le Village abandonné" aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch