Der Alchimist und das Couscous
Es war einmal vor sehr langer Zeit in einem Land namens Je-men, als dort die Königin von Saba herrschte. Eines Tages erkrankte die Königin an einer seltsamen Krankheit. Sie war von morgens bis abends traurig, lachte nicht, redete kaum und lebte nur noch in dunklen Räumen. Heute ist die Krankheit unter dem Namen Depression bekannt. Ihr Gemahl, der König, ließ von nah und fern Ärzte und Heiler kommen, aber keiner konnte ihr helfen. Und so lebten auch der König und sein Volk in tiefer Trauer.
Eines Tages kam ein seltsamer Mann aus einem fernen Land namens Maghreb zum Königspalast. Von Beruf war er Alchimist und behauptete, er könnte mit Gottes Hilfe die Königin heilen.
Der König sprach: „Wenn du in meiner Königin die Lebensfreude wieder erweckst, mache ich aus dir einen reichen und berühmten Mann. Verlange, was du brauchst."
Und er stellte ihm seinen Wesir zur Seite. Der Alchimist übergab diesem die Zeichnung eines zweiteiligen Gefäßes, das man schnellstens anfertigen sollte. Dann schrieb er auf eine Liste verschiedene Zutaten, wie Mehl, Lammfleisch und allerlei Gemüse. Nachdem der Fremde alles bekommen hatte, zog er sich in die Küchenräume zurück, holte aus seiner Ledertasche einen Beutel mit einer speziellen Gewürzmischung und machte sich an die Arbeit.
Nach ungefähr drei Stunden schwebte ein milder, süßlicher, völlig unbekannter Duft durch die Räume des Palastes. Nach weiteren zwei Stunden erschien der Alchimist und trug eine große Schale, gefüllt mit kleinen runden gelblichen Körnern, auch Engelstränen genannt. Darauf lagen Fleisch und Gemüse und alles mit einer roten dicklichen Soße überzogen.
Der Alchimist begab sich zur Königin, stellte ihr die Speise zu Füßen und sprach:
„Herrin, esst jeden Tag davon, und ihr werdet gesund."
Also aß die Königin jeden Tag verschiedene Arten von Couscous, und tatsächlich sah man sie am siebten Tag fröhlich und lachend in den Gärten spazieren gehen. Sie war geheilt! Der König bat den Alchimisten, bei ihm zu bleiben, um diese Kochkunst seinen eigenen Köchen beizubringen. So kam das Cous- cous das erste Mal außerhalb des Maghreb unter die Menschen.
Aus: Naceur-Charles Aceval, Der Erzähler von Algier, Schönaich 2017
Algerien ist das grösste Land Afrikas und geprägt von einer jungen Bevölkerung, mit überwiegend arabischer und berberischer Herkunft. Soziale Ungleichheiten und eine hohe Arbeitslosigkeit führen immer wieder zu Spannungen. Die Hirak-Bewegung vereinte verschiedene gesellschaftliche Schichten in friedlichen Protesten gegen Korruption und das autoritäre Regime. Sie wurde jedoch durch Repressionen stark geschwächt. Viele Menschen flüchten aus wirtschaftlicher Not und Perspektivlosigkeit ins Ausland.