Peboan und Seegwun
Vor langer Zeit sass einmal ein alter Mann ganz allein in seiner Hütte. Es war gegen Ende des Winters, aber das Wasser des Baches war noch gefroren. In der Hütte war es kalt, das Feuer war fast erloschen, und der alte Mann zitterte vor Kälte. Seine Augen waren müde, sein weisser Bart war lang vom Alter, und in der Stille seiner Hütte hörte er nichts als den Sturm, der über den letzten Schnee fegte.
Schliesslich erlosch das Feuer, auch der Sturm legte sich. Da hörte der alte Mann Schritte. Mühsam erhob er sich und schaute hinaus. Er sah, wie ein junger Mann auf die Hütte zukam.
«Sei willkommen», rief er ihm zu.
Als der junge Mann näherkam, sah er seine funkelnden Augen, den starken Körper und das Lächeln auf dem Gesicht. Auf dem Kopf trug er einen Kranz aus Süssgras und in der Hand einen Strauss Frühlingsblumen.
«Komm herein, du kannst bei mir die Nacht verbringen, dann erzähle ich dir von meinen Heldentaten und du mir von deinen Abenteuern.»
Lachend betrat der junge Mann die Hütte. Der alte Mann füllte eine Pfeife mit heilkräftigen Kräutern und entzündete sie an der letzten Glut. Sie teilten die Pfeife miteinander, und dann begannen sie zu erzählen.
Der alte Mann begann: «Wenn ich die Hände erhebe, fallen die Blätter von den Bäumen und mein Atem bläst sie fort. Die Vögel fliegen fort in ein fernes Land, und die Tiere verstecken sich. Schnee bedeckt die Erde, und das Wasser friert zu Eis.»
«Wenn ich über das Wasser blase», sagte der junge Mann, «schmilzt das Eis, und wenn ich meine Locken schüttle, beginnen Bäume und Blumen zu wachsen. Meine Stimme ruft die Vögel zurück, und die Tiere unter der Erde erwachen.»
(Die ganze Nacht erzählten sie einander ihre Heldentaten. Als die Sonne aufging, schwieg der alte Mann. Der junge Mann stand auf und blies über das Wasser, so dass das Eis schmolz. Dann schüttelte er seine Locken, und die Bäume und die Blumen begannen zu wachsen. Der alte Mann aber wurde immer kleiner und kleiner. Als der junge Mann mit seiner Stimme die Vögel zurückrief und die Tiere erwachten, war von ihm nichts mehr zu sehen.
Aber an der Stelle des Lagerfeuers wuchs eine Blume. Sie hatte weisse Blüten mit rotem Rand, die Chippewa nennen sie Miskodeed, Frühlingsschönheit.
Jedes Jahr kehrt Peboan, der alte Mann des Winters, zurück. Er geht über das Land und lässt es schneien. In seiner Hütte wartet er, bis Seegwun, der Frühling, kommt und die Natur weckt.
Fassung Djamila Jaenike, aus: Die Quelle der Weisheit. Mutabor Verlag 2025
Claytonia virginica.)