Seltsame Prophezeiungen
Ein Mann von Salvan im Wallis ist einmal in den Wald gegangen, um Holz für den Winter zu hauen. Er kletterte auf eine Tanne, um die dicksten Äste abzumachen. Er ließ sich auf einen mächtigen Ast hinaus hoch über dem Boden und hub an, denselben dicht am Stamme abzusägen. Da kam von ungefähr der Abt von St. Maurice mit zwei Klosterbrüdern des Weges. Wie der den Mann erblickte, sagte er: «Holla he, guter Mann, wenn du das so anstellst, so fällst du herunter. » Der Mann aber tat erst, als höre er nicht, und sägte eifrig zu. «Gib acht, jetzt bricht aber gleich der Ast und du fällst herunter», sagte nochmals der Abt. «Abbah, ich kann doch nicht fallen, wenn ich sitze. Und im übrigen, lug für dich selber; ich habe schon manches Klafter Holz in meinem Leben gemacht und lasse mir von einem Kuttenbruder nichts sagen. » Die Mönche gingen weiter. Da machte es krick, krack, und der Mann lag am Boden. Er rappelte sich auf, fiel wieder um, stand wieder auf, noch halb betäubt vom Sturz, aber wie von einer Feder geschnellt läuft er den Brüdern nach. «He! » rief er, «ihr habt gewußt, daß ich von der Tanne fallen werde. Ihr seid gewiß ein großer Prophet, und wißt auch, wann ich sterben werde.» «Ja», sagte der Abt. «Das kann ich dir wohl sagen. Hör : Wenn dein Esel dort den dritten Furz tut, bist du tot. » Mit offenem Mund, den Kopf trübselig schüttelnd, ging der Mann an seine Arbeit zurück, lud dem Esel Holz auf und machte sich nachdenklich auf den Heimweg. «Wer hätte das gedacht», seufzte er wehmütig, «daß ich in so jungen Jahren schon sterben soll.» Und er stupfte sein Grautier, daß es schneller laufe. Da ließ der Esel einen Furz. «Jesses, jetzt hab ich nicht mehr lang zu leben», dachte der Mann voller Angst und ließ den Esel langsamer gehen. Jetzt begann der Weg zu steigen und wurde steil und steinig. Mitten im Stutz ließ der Esel abermals einen Furz. «O Gott, noch einen, und ich komme tot nach Hause », dachte der Mann und zitterte an allen Gliedern, «was wird meine arme Frau dann sagen!» Aber er ermannte sich, hielt den Esel an, hieb mit der Axt aus einem dürren Ast einen kräftigen Stöpsel zu und schlug ihn dem Esel in die Hintertür. «So, jetzt aber vorwärts!» brummte er, trieb das Tier an und stapfte getrost hinter ihm her. Der Weg wurde steiler und steiler. Da strauchelte der Esel unter der Bürde, schnob und keuchte und blähte sich und - puff, da flog der Stöpsel dem Mann mit aller Gewalt vor die Stirn. Er fiel um wie tot. Der Esel aber trottete weiter. Unlang, kamen der Abt und die beiden Mönche an der Stelle vorüber und fanden den Mann. Sie machten aus Zweigen eine Bahre und trugen ihn talab. Als sie an die Wegkreuzung kamen, wo der Weg nach dem Dorf sich teilt, da stellten sie die Bahre ab und werweißten, welchen sie gehen sollten.
Jetzt hub der Tote aufs Mal sich auf und rief: «Als ich noch lebte, da ging ich immer dadurch, denn es ist eine Kehr kürzer als auf dem andern Weg. Aber jetzt, wo ich tot bin, mögt ihr mich tragen, wo ihr wollt. Aber wartet, wo ist denn mein Esel ? Ihr habt vorausgewußt, daß ich von der Tanne falle und wann ich sterben werde, ihr könnt mir sicher auch sagen, wo mein Esel ist. »
«Ja freilich», antwortete der Abt, «das kann ich dir wohl sagen : Er ist schon in St. Maurice drunten. Dort sitzt das Gericht beisammen, und dein Esel ist dort Schreiber.»
Da wurde der Mann wieder lebendig, sprang von der Bahre auf und lief eilist nach S. Maurice hinab, ins Haus, wo das Gericht versammelt war. Er stößt die Türe auf und sieht richtig den Schreiber zuunterst am Tische sitzen. Er tritt hinzu, nimmt ihn bei den Ohren und schleikt ihn hinaus, die Treppe hinunter und sagt: «Chumm Eseli, chumm Eseli, mer muend iez hei!»
Der Esel aber war derweilen längstens allein nach Haus gelaufen.
Aus: C. Englert-Faye, Us der Gschichtetrucke, Bern 1963