Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Stimme des Herrn Pfarrers

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Schwank

Es war einmal ein Kilchherr, ein junger hübscher Mann und dabei klug und hochgelehrt, aber auch stolz und dünkelhaft; er meinte nichts anderes, als daß er allein aller Dinge Meister sei, und zwar der Meister aller Meister. Und so glaubte er auch, er habe die schönste Stimme von der Welt, und keiner könne so schön singen wie er. Also war er gar emsig des Gesangs beflissen. Und allemal, wenn er in der Kirche seine Stimme zur Messe erschallen ließ, dann wähnte er selber, die Chöre der Engel könnten nicht schöner tönen, doch dem Kirchenvolk goll sein Gesang gar übel in den Ohren. Und sie lachten seines Wahns. Doch keiner war, der’s hätte wagen wollen, ihm die Wahrheit zu sagen. Denn hinterm Rücken hat mancher ein großes Maul, der kleinlaut wird, soll er Rede und Antwort stehen von Angesicht zu Angesicht. So sind die meisten Menschen nun einmal.

Nun begab es sich, daß derselbe Pfarrer wieder einmal vor dem Altar sang und also hoch und falsch, daß es den Leuten in die Seele schnitt. Nun war den Tag auch ein Fraueli in der Kirche, der war vor kurzem ihr Esel umgestanden, das liebste, das sie hatte auf der Welt, und groß war ihre Trauer. Wie sie den Pfarrer also singen hörte, da kamen ihr die hellen Tränen, groß wie Erbsen, und sie weinte laut. Als dies der Pfarrer inne ward, da sprach er freundlich zu ihr : « Sagt, gute Frau, was weinet ihr denn so ? Was mag es sein, das also euer Herz beschwert? Sagt mir’s frei, vielleicht, daß ich euch helfen kann mit Worten oder Werken. » Denn er dachte, sein

551 Gesang hätt ihr die Seele also aufgerührt, daß sie verhohlener Sün den sich zeihen und seines Trostes bedürftig Buße tun wolle. «Soll ich euch noch mehr singen? vielleicht, daß die Töne die Schmer zen eurer Seele lindern?» «Nein, Herr, um alles in der Welt nur das nicht. Denn eure Stimme schafft mir unerträglich Weh.» «Ei, wie denn das ? » sagte hocherstaunt der Pfarrer. «Wollt ihr mir das nicht sagen?» «Ach, Herr», sprach sie, «ich muß mein Leid euch klagen warum ich also habe weinen müssen : Es ist noch keine Woche her da haben die Wölfe mir mein allerliebstes Eselein zerrissen. Das liebe Tier, ich kann es nicht vergessen ! - Und wenn ich euch so herrlich singen höre, so ist mir’s anders nicht, als hört ich meinen Esel schreien. Ach Herr, mich wundert, wie das nur zugehn mag, daß eure Stimme so gleich ist meines Esels Stimme, daß ihr leibhaftig mich an ihn gemahnt. Drum muß ich weinen, ob ich will oder nicht. Oh Gott, mein armer, armer Esel ! » Was der Pfarrer der Frau geantwortet hat, das weiß niemand zu sagen. Mir aber kommt das alte Sprüchlein in den Sinn:

Wer wähnt, daß er der beste sy, Dem wohnt ein Narr gar nahe by.

Aus: C. Englert-Faye, Us der Gschichtetrucke, Bern 1963