Die weisse Frau von Mireval
Dort, wo heute nur noch eine steile Treppe zu den Resten einer Ruine führt, stand einst die Burg der Herren von Murival. Es ist schon viele Jahrhunderte her, da lebte dort die schöne Louise von Murival. Sie war die Tochter des Burgherrn und unsterblich in den mutigen Ritter Claude de Franquemont verliebt. Es war die Zeit der langen Kriege und feindliche Heere bedrohten die Burgen im Tal.
Es war eine laue Sommernacht, als sich Louise heimlich mit ihrem Verlobten verabredet hatte. Der alte Turmwächter konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen und so schlich sie in der Nacht aus ihrer Kammer, stellte sich an der Burgmauer neben den Wächter und lauschte auf das Trommeln der Hufe ihres Ritters. Doch auf einmal sah man Feuer auf der gegenüberliegenden Seite und der Wächter rief: «Burg Franquemont wird angegriffen!»
Sogleich griffen die Soldaten zu den Waffen, um ihre eigene Burg zu verteidigen. Schon hörte man das Galoppieren von Pferden, aber es waren nicht die Feinde, sondern die Bewohner der Burg Franquemont, die vor den Angriffen geflüchtet waren.
«Öffnet die Zugbrücke», rief der Herr von Murival.
Unter den Geflüchteten war auch der Ritter Claude de Franquemont. Schwer verletzt ritt er in den Burghof und als die Zugbrücke wieder geschlossen war, trug man ihn in die Burg. Louise sprang zum Verletzten, kniete sich an seinem Bett nieder und hielt weinend seine Hände.
Der Ritter öffnete seine Augen, lächelte und flüsterte: «Louise…», dann schloss er seine Augen für immer. Louise wachte die ganze Nacht an seinem Bett. Als die Sonne am nächsten Morgen ihre ersten Strahlen in die Kammer schickte, fand man sie tot in der Kammer. Sie war an gebrochenem Herzen gestorben.
Noch heute kann man in lauen Sommernächten bei der Ruine Mireval eine weisse Gestalt sehen. Es ist der Geist der armen Louise, die sich nach ihrem Verlobten sehnt.
Fassung Djamila Jaenike, nach: «La Dame blanche de Mireval» aus: Joseph Beuret-Frantz, Sous les vieux toits, Légendes et contes jurassiens. Porrentruy, 1949. Aus dem Französischen übersetzt, und neu gefasst unter Mitwirkung von Michèle M. Salmony Di Stefano © Mutabor, www.maerchenstiftung.ch