Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Schlafkraut der Schlangen

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Ein Mann ging einmal vom Dorf hoch in die Berge, um Haselnüsse zu sammeln. Da beobachtete er eine Schlange, die unter einem Felsen hervorkroch. Sie frass von den grünen Blättchen, die unter dem Felsen wuchsen und verkroch sich dann wieder in ihre Felsenhöhle. «Was das wohl für Kräuter sind?», dachte der Mann. Neugierig pflückte er ein wenig von dem Kraut und ass davon. Da wurde er auf einmal sehr, sehr müde. Er ging zu einem der nahen Heuschober, legte sich ins trockene Gras und sagte sich: «Nur ein kleines, kurzes Schläfchen, das darf wohl sein.» 

Unten im Dorf aber wartete man auf den Mann und als er auch nach Tagen nicht zurückkam, machten sich die Leute immer mehr Sorgen. «Er ist wohl verunglückt», sagten sie. Wie sie ihn auch suchten, er war wie vom Erdboden verschluckt. Also liess man die Sterbeglocke läuten und hielt den Trauergottesdienst für ihn. Mittlerweile war es Winter geworden und einer der Bauern machte sich auf den Weg, um Nachschub zu holen im Heuschober am Berg. Da sah er den Vermissten im duftenden Heu liegen und tief schlafen. Er versuchte ihn zu wecken, doch alles nützte nichts, er schlief wie ein Murmeltier. Also legte er in das Heu auf dem Schlitten und brachte ihn nach Hause. Dort schlief er noch ein paar Tage und wachte dann auf.  Er wusste nur noch, dass er von dem Kraut gegessen und dann eingeschlafen war. «Nehmt euch in Acht, vor dem Schlafkraut der Schlangen», sagte er immer. Die Leute aber nannten ihn von da an den ewigen Haselnusser. 

Manche sagen aber, es wäre anders gewesen. Der Schläfer sei nach einigen Wochen von selbst aufgewacht und hörte, als er ins Dorf kam, die Trauerglocken läuten. Also ging er in die Kirche und nahm, ohne es zu wissen, an seinem eigenen Trauergottesdienst teil.

 

Aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag