Der Zwerg auf Kasteienalp
Zu Kriens lag eine arme Witwe gichtkrank im Bette. Im Hause war nichts mehr zu beissen und zu brechen. Da dachte ihr Töchterlein Magdalena: Ich gehe zum reichen Vetter Klaus auf die Kasteienalp und bitt ihn, uns in dieser Not zu helfen. Aber der Klaus sagte nur: «Meinst du, ich hätte für euch geschwitzt und gespart? Da könnte jeder kommen, schaut für euch selber! Ihr könntet’s auch anders haben. Ein jeder liegt, wie er sich bettet.» Mit diesen Worten stiess das Mädchen zur Türe hinaus, ob auch am Himmel ein Wetter stand, so schwarz und bös, als hätten es sieben Hexen gleichzeitig gebraut. Magdalena sprang haldab, so schnell ihre Füsse liefen. Bei Donner und Blitz und strömendem Regen kam sie weiter unten am Berg zur Hütte des armen Alois, der schon lange ihr Liebster war. Der nahm sie auf und tröstete sie. Und als der Regen vorüber war, gab er ihr für die Mutter das einzige Geisskäslein mit, das er selbst noch hatte. Auf dem nassen Grase glitschte Magdalena aus und liess das Käslein fallen. In hohen Sprüngen fuhr es unaufhaltsam in die Tiefe von Wand zu Gand. Magdalena suchte und suchte, und drüber ward es Abend und finstere Nacht. Auf einmal fasste sie im Dunkel etwas leise an der Hand. Vor Schrecken stand ihr fast das Herz still. Wie sie hinsah, stand vor ihr ein Zwerglein, grau und winzig klein, ein spitzes Hütlein auf dem Kopf. Auf der Schulter trug es ein Stück vom verlorenen Käse, in der Hand hielt es ein Sträusslein Kräuter. «Hab keine Angst», sprach es, «ich habe wohl gesehen, wie du heute beim Alois geweint hast. Da nimm diese Kräuter, sie werden deine Mutter heilen. Und hier ist ein Stück von deinem Käse wieder. Jetzt aber geh hübsch behutsam heim und meide die Sprünge.» Ehe Magdalena den Mund auftun konnte, um zu danken, war das Männlein verschwunden, als wär’ es im Boden versunken.
Magdalena kam glücklich heim. Die Mutter wurde von den Kräutern alsbald gesund. Das Stücklein Käse aber war auf dem Wege zu purem Gold geworden, und so kaufte sie dem Alois davon die Bründleralp und wurde seine Frau. Sie haben noch lange Haus gehalten miteinander, und Glück und Segen war immer mit ihnen.
Die Kasteienalp aber war im Unwetter jenes Tages von einer Rüfe verschüttet worden. Der reiche Vettergötti Klaus zog seither mit einem zerschlagenen Fusse bettelnd im Lande umher und bat von Haus zu Haus um Almosen und Wegzehrung und ein Obdach zur Nacht für ein Vergeltsgott bis an sein baldes Ende.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch