Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die geschlachtete Kuh

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Ein Bauer ab dem Guggisberg kam einst spät im Herbst, als schon alles Vieh wieder im Tale war, mit einem Rind, das er im Simmental gekauft, den nächsten Weg über die Berge herüber. Hoch oben ereilte ihn Nacht und Nebel, und er musste wohl oder übel in einer verlassenen Alphütte übernachten. Er stellte sein Kühlein in den Stall, streckte sich im Feuerhause aufs Lager und schlief bald wie ein Murmeltier. Mitten in der Nacht aber kamen die Wildmännlein, nahmen das Rind aus dem Stall, schlachteten es und machten sich eben daran, das Fleisch im Käskessi zu kochen und zu sieden. Von dem Lärmen erwachte der Bauer und machte grosse Augen ob allem, was er da sah. Doch ohne sich im mindesten von dem Manne stören zu lassen, richteten die Männlein nun das Mahl zu, trugen auf und schmausten in guter Lust, ja, sie baten ihn zu Gast und boten auch ihm freundlich eine Mahlzeit an. Zwar den Bauer gelüstete es gar nicht nach solchem Imbiss aber er wagte nicht, nein zu sagen. Und so nahm er denn ein ganz kleines Stücklein von dem Fleisch. Nach dem Mahle räumten die Zwerge alles auf, packten die Überbleibsel zusammen, und fort waren sie.

Als der Bauer am Morgen erwachte und missmutig weiter gehen wollte ohne Kuh, da deuchte es ihn seltsam, dass vor der Hütte keine Blutspuren zu sehen waren. Er trat in den Stall, um nachzusehen, ob das Tier etwa dort geschlachtet worden sei. Sein Kühlein aber stand fröhlich muhend am Barren, unversehrt; nur am einen Hinterbacken fehlte ein nussgrosses Stücklein Fleisch, gerade so viel, als er selbst in der Nacht verzehrt hatte.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch