Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die verfluchte Milch

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

In der Salwyden am Sörenberg verschüttete eines Abends beim Melken der Küher einen ganzen Eimer Milch. Er stampfte vor Zorn und fluchte und schwor alle Zeichen. Da auf einmal hörte er aus einer Ecke des Stalles laut aufseufzen. Er schaute nach, ob jemand da sei, aber es war nichts zu finden. Der Knecht berichtete es dem Meister. Der schüttelte den Kopf und sagte, er solle den nächsten Abend wieder Milch ausschütten und dazu fluchen. Er selber wolle derweil in jener Ecke des Stalles lugen und losen. Wie gesagt, so getan. Und wieder hörten beide es deutlich seufzen. «Sag nur meiner Frau nichts», sprach der Meister zum Knecht, «denn sie sagt so schon immer, es habe Erdleutlein da herum.» Noch mehrmals ward das Seufzen vernommen. Aber man redete nicht weiter davon.

Der Sommer war vorüber, das Senntum fuhr zu Tal. Wie die letzte Kuh über die Alpmark war, nahm nach altem Brauch der Meister die Kappe ab, faltete die Hände und sprach über die Alp laut und langsam den Segen: «Walt Gott!» Da grad merkte der Knecht, dass er droben in der Hütte seine Uhr vergessen habe, und er lief zurück, sie zu holen. Wie er die Hüttentür aufstossen will, ist sie offen und drinnen schon eine ganze Schar Erdleutlein am Käsen. Sie machten alle finstere Mienen und schauten gar nicht auf. Einzig ein uraltes Mutterli schüttelte beide Fäuste gegen ihn und rief: «Alle Milch, die ihr den Sommer über verschüttet, ist unser, aber nur die Milch, worüber kein Fluch gerufen ist. Die andere ist uns verloren. Die gute behalten wir auf, und wenn ihr fort seid, machen wir daraus unsere Käse. Die sind küstiger als eure und nehmen nie ab. Jeder Fluch von euch macht uns arm. Und jetzt mach, dass du fortkommst, wenn du noch heimkommen willst! »

Der rohe Knecht, ein starker Mann, der auch den Teufel auf Stelzen nicht fürchtete, machte ein Gesicht wie die Katze, wenn’s donnert. Aber da wuchs mit einem Schlag das Weiblein riesenhaft vor ihm empor - der Graus trieb ihm den Schopf steif wie Föhrennadeln am Wirbel auf, und es flirrte ihm vor den Augen, dass er nur noch Nebel sah. Und er liess seine Uhr, wo sie war, und sprang, was er konnte, bergab. Weiss wie Kalk im Gesicht und pflotschnass vor Schweiss holte er den Meister und die Herde ein.

Seit dem Tag war der Knecht ein stiller Mann. Er hat nicht mehr lange gelebt.

Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch