Die Rache des Zwergleins
In einer Alphütte auf den grünen Weiden um das Lioson-Seelein hauste seit Menschengedenken ein Bergmännlein. Tag und Nacht half es den Sennen bei allen Hantierungen, und zum Lohne erhielt es jeden Morgen und Abend ein Kacheli vom fettesten Nidel.
Eines Tages musste der Meistersenn ins Tal hinuntersteigen um verschiedener Geschäfte willen. Als er aus der Hütte ging, wandte er sich noch einmal um und rief den Kühern zu: «Und dann vergesst mir ja nicht dem Mannli sein Teil!» Dann ging der Alte. Der Tag auf der Alp nahm seinen gewohnten Gang. Die Hirten besorgten das Vieh und die Sennen die Milch, und nach Feierabend sassen sie auf der Bank und plauderten. Vor dem Schlafengehen stach der Teufel einen der jüngsten Hirten, dass er zu einem seiner Gesellen sagte: «Was meinst du, wenn wir heute Abend nichts für das Mannli auf die Seite täten, hä? Was würde wohl geschehen?» und so stellten sie ihm sein Kacheli nicht an den gewohnten Platz.
Spät in der Nacht kam der alte Meistersenn zurück. Kaum lag er auf dem Gaster, da hub ein heftiger Wind an zu wehen, und bald chutete und tutete der Sturm, als wollte die Welt untergehen. Die Hütte bebte, krachend bogen die Balken sich. Die Dachschindeln wirbelten wie dürre Blätter davon. Die alten Wettertannen knarrten und gyrten. Der Wetterluft verhudelte ihnen die Wipfel und drehte die stärksten Äste ab dem Stamm. Die Sennen lagen still und beteten. Einige weinten vor Angst. Und als der Lärm am tollsten war, da hörte der Alte aus dem Sturm eine Stimme rufen: «Pierrot, Pierrot, steh auf! Steh auf! Schleif Messer und Beil und schind und schänd!» Dann legte sich das Wetter ebenso plötzlich, wie es losgebrochen war. Alles war still, und der erste Tag schimmerte. «Wo sind die Kühe?» schrie der Meister und stürzte hinaus vor die Hütte. Keine Glocke tönte, kein Muhen, kein Geräusch erscholl. Die Herde war nicht mehr da. Der Alte lockte – ho loba, -, es regte sich nichts. Die Sennen streiften nach allen Richtungen mit ihren Knotenstöcken; aber nirgends war eine Spur von der Herde zu finden. Fluchend kam einer nach dem andern zurück. Nur der junge Hirte nicht. Er war von Halde zu Halde gestiegen, von Fels zu Fels, war in Runsen und Tobel hinunter- und hinaufgeklommen. Er rief und lockte - vergebens. Zu Tode erschöpft, mit zitternden Knien, liess er sich ins Gras fallen. Da sieht er plötzlich neben sich im Boden die frischen Hufspuren. Er geht ihnen nach. Sie führen an den Rand eines gähnenden Abgrundes, und unten auf dem Grunde der Kluft sieht der Hirte die Herde, zerschmettert — ein blutiger Haufen. Und noch lange darnach stiess der Geier dort nieder.
Seit jenem Tage aber ist das Bergmandli auf Lioson nie mehr gesehen worden.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch