Fänggenmannlis Rat
Zu Conters hütete ein wildes Mannli die Geissen. In das Dorf kam es nie, sondern an einem Stall oberhalb des Dorfes wartete es allemal, bis man ihm die Geissen brachte. Zum Lohn für seine Dienste gaben ihm die Leute öfters alte Schuhe und abgetragene Kleider. Der Fängg nahm die Sachen und legte sie an. Aber die Schuhe trug er an den Händen, die Hosen an den Armen.
Die Knaben von Conters hätten das Mannli gerne gefangen, denn die Fänggen konnten mehr als Brot essen und Milch trinken. Aber wie sie’s auch anstellten, er war ihnen zu schnell, sie konnten ihn nicht kriegen. Da versuchten sie es mit List. Bei jenem Stall standen zwei Brunnentröge. Den einen füllten sie mit Branntwein, den andern mit rotem Wein. Als nun der Geissler des Abends zum Stalle kam, war er durstig und wollte wie gewohnt trinken. Verwundert kostete er zuerst den Wein und rief: «Röteli, Röteli, du kriegst mi nit!» Dann schlürfte er wacker von dem Branntwein; denn er meinte, es sei Wasser, weil er klar war. Da ward das Mannli taumelig, und die Burschen fingen es mit leichter Mühe und brachten es gebunden ins Dorf. Dort hielten sie es gefangen; denn sie hätten gar zu gern etwas von seinen Kräften und Künsten wissen mögen. Und so frägelten und förschelten sie es immer wieder aus. Endlich verhiess das Männlein ihnen einen Rat, der ihnen fürs ganze Leben wohlkommen sollte; aber zuerst müssten sie’s freilassen. Da banden sie es los, und der Fängg sprach:
«Ists Wetter guot, so nimm de Tschopa mit,
Ists Wetter leid, kannst tuon, wie d witt!»
Sprach’s und entwich, schnell wie ein Gemsi, über Stock und Stein zum Wald und wurde seither nicht mehr gesehen.
Aus: C. Englert Faye, Von kleinen Leuten. 102 Zwergensagen, Feen und Fänggengeschichten aus der Schweiz, Bern 1937.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch